Gold.

Vormittags wollen wir Tickets für den Zug nach Kyaik Hto kaufen. Von dort soll es dann nach Kin Pun Sakhan gehen, das zugehörige Dorf zum goldenen Felsen. Dazu müssen wir an den Bahnhof, der Taxifahrer spuckt seine Betelnuss-Spucke immer wieder in eine leere Plastikflasche. Das Lächeln für Marie gleicht einem Horrorfilm.

Am Bahnhof erleben wird es kompliziert. Wir erklären mehreren Mitarbeitern, wohin wir wollen. Jeder Einzelne lässt es sich geduldig erklären, fragt ausführlich Einzelheiten ab, wir haben das Gefühl, richtig zu sein, bis wir weiter geschickt werden. Anderes Gebäude, anderer Schalter, Upper Class, Ordinary Class. Am Ende steht auf dem Ticket sogar eine Lebensversicherung. Mutig schauen wir der Reise entgegen.

0,99 Kyats = 0,0006 Euro

Myanmar ist eines der ärmsten Länder Asiens. Militär-Diktatur, Bürgerkrieg, Isolation, Bambus-Vorhang, Rohingya, Naturkatastrophen – Schlagzeilen, die Viele aus der Vergangenheit kennen. In einem Reiseführer lesen wir, es wirke manchmal wie die Tropen-DDR. Wir werden es auf der Zugfahrt und der gesamten Reise noch erleben.

Vorher besuchen wir aber “ein goldenes Mysterium, […], ein funkelndes, großartiges Wunder, das in der Sonne glänzt.[…]Und die Kuppel sagte zu mir: Das hier ist Burma, ein Land, das anders ist als alle anderen, die du kennst.” Schreibt Kipling in seinen Briefen aus dem Orient. 1898.

Für mich (Phillip) einer der Gründe, Myanmar überhaupt zu bereisen. Am Ende des Tages sind wir der Meinung, es ist der schönste Sakralbau der Welt. 60 Tonnen Gold – das Licht überfordert die Handykamera.

Die Shwedagon-Pagode.

Wai Wai sagt, wir sollen am Nachmittag kommen und bis in den Abend bleiben, zum Sonnenuntergang. Weil Sie Marie so hübsch findet, komme Sie mit Charlie am Abend nach. Fotos machen. Wo treffen wir uns, fragen wir. Marie wurde Samstags geboren. Jeder Wochentag hat seinen eigenen Buddha an einer Ecke der Pagode, dem man Wasser aus Dankbarkeit über den Kopf gießen kann. Wir treffen uns bei Samstag.

Wir erleben Stunden voller Staunen. Touristen, Mönche, Opfergaben. Stunden kann man hier verbringen. Glockenschläge, Räucherstäbchen, murmelnde Gebete. Alles Barfuss. Nationalheiligtum, Zentrum von Glaube, Kultur und Politik. Hier hat Aung San Suu Kyi Ihre Rede gehalten.

In 90 Meter Höhe, die Spitze der Stupa, der hti. 80000 Diamanten und 3000 Glöckchen aus purem Gold. Das ganze Bauwerk steht der Legende nach auf 8 Haaren des Buddhas.

Wer auch staunt, ebenfalls über Haare, aber die blonden, sind die Burmesen: hunderte Fotos werden von Marie gemacht. Manchmal gibt es kleine Menschentrauben, die scheinbar den eigentlichen Grund Ihres Besuchs an der Pagode vergessen. Einige fragen höflich, andere drängen sich nahezu auf. Aber alle Lächeln.

Den nächsten Morgen beginnen wir um kurz vor 5, packen (gefühlt) das Hotelzimmer ein, sind um 6 am Bahnhof, 6:30 startet der Zug 89 mit einem lauten Hupen. Wir erleben 6 Stunden einer wunderbaren Fahrt durch das Land. Es rumpelt, rattert und dröhnt teilweise so sehr, dass Marie denkt, es sei laute Bass-Musik. Und wippt zum Tackt. Die grünen Vorhänge flattern an Reisfeldern und Büffeln vorbei, an Bambushütten und kleinen Pagoden. Einfachstes Myanmar. Kinder winken an Haltestellen, Ochsenkarren aus Holz. Armut. Zur britischen Kolonialzeit war Burma größter Reisexporteur der Welt.

Händler laufen fast minütlich durch den Zug und bieten lautstark Alles an: Obst, Handykabel, Betelnuss, gebratener Fisch, Rückenkamm zum kratzen. Marie ist wahnsinnig fasziniert.

Im Sammeltaxi geht es nach Ankunft und Windelwechsel am Bahnsteig zum Hotel. Golden Sunrise. Weil das Kind, vor lauter Menschenhände, Klima-Anlage und neuen Zähnen erstmals verrotzt ist, bleiben wir heute lieber im Hotelzimmer. Ausruhen, schlafen. Papa schreibt einen Beitrag, Mama liest und macht Yoga im Garten.

Der goldene Felsen muss warten. Aber der ist da ja schon seit tausenden Jahren. In Balance gehalten – nur durch ein Haar Buddhas.

Veröffentlicht von Phi

Tüddelbüddel

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