Flussschwein.

Ach Mandalay – am Ende denkt man über Dich irgendwie „puh, ja, geht so“. Du bist ein bisschen wie die letzte Mass auf der Wiesn: in einigen Punkten wunderbar, aber am Ende hätte man sie nicht gebraucht. Du bist groß und laut und hektisch, dreckiger als der Rest. Dein Verkehr zwingt uns, die kleinsten Entfernungen nicht zu Fuß, sondern per Tuktuk zurückzulegen. Deine Strassenküchen sind wirklich nichts mehr für den europäischen Magen und Dir sind Touristen egal. Du klingst romantisch, bist aber eigentlich nur realistisch. Blanke Armut, Überlebensmodus.

Mit einer Propellermaschine sind wir Dienstag angekommen. Völlig unkompliziert. Zuvor wurden wir in Yangon von Wai Wai und Ihren Mädels mehr als freundschaftlich verabschiedet. Selbstgemachte Erdnussbutter im Glas zum Abschied.

Es gibt kaum ein Land, in dem der Buddhismus so mit dem Alltag verwoben ist. Staatsreligion. 90% der Burmesen sind Buddhisten, über eine halbe Million Menschen leben als Mönch oder rosafarben-gekleidete Nonne. Im Flieger vier Amerikaner. Wir kommen ins Gespräch. Dabei erzählen Sie uns, Sie kommen im Namen einer christlichen Kirche, um hier zu missionieren. Turbulenzen. Weniger im Flieger, als in unserem Verständnis. Was für ein absoluter Quatsch!

Am nächsten Tag bestellen wir uns via App ein TukTuk. Vorteil der App – Ziel ist per Karte vorgegeben, der Preis klar ausgemacht. Fahrtwind in gelber Gardine, Marie ruft Tauben hinterher. Wir lassen uns an das Ufer des Irrawaddy fahren. Die gelb-braune Lebensader des Landes, einer der größten Flüsse Asiens. Klamotten trocknen in der Sonne, überall ist Müll. Der Geruch um die Fischhändler ist für Erfahrene. Faszination und Unbehagen wechseln sich ab.

Tuktuk.

Wir fahren zum Mahamuni Tempel. Mittagessen zwischen Glockenschlägen. Der Buddha trägt einen Schuppenpanzer aus Gold, welches erneut von Männern angeklebt wird. Alles für den Glauben. Die Statue gilt als die Wertvollste des Landes.

Südlich des Tempels befindet sich die Straße der Steinmetze. Hier werden Buddha-Statuen aus Speckstein und Marmor geschliffen. Feinstaub-Champions-League. Die Arbeiter arbeiten maximal 10-15 Jahre hier, länger macht die Lunge nicht mit. Body Shaping in Stein, das Gesicht ist der finale Höhepunkt der Erschaffung.

Tuktuk.

Zur U-Bein-Brücke. 1,5 km, 160 Jahre alt. Teakholz. 6 Meter hoch, kein Geländer. Wir laufen über den Taung Tha Man See, Mittagssonne. Eigentlich kommt man erst zum Sonnenuntergang her und fotografiert die Brücke vom See aus. Aber das jüngste Mitglied unserer Reisegruppe ist prinzipiell für Vorhaben bei Sonnenauf- oder -untergang nicht zu begeistern. Auf der Brücke kann man Finken und kleine Eulen kaufen, um diese dann freizulassen. Finken für die kleinen Wünsche, Eulen für die Großen. Im Flug gen Himmel werden die Wünsche mitgenommen, die Vögel später wieder eingefangen.

Tuktuk.

Hotel, dann indisches Restaurant. Wir vermissen die Küche von Wai Wai. Das burmesische Essen ist uns zu ölig, zu fettig, zu unscharf, zu wenig raffiniert. Manche Gerichte im Restaurant wirken als würde man Gerichte nachkochen, die ein entfernter Cousin mal im Internet auf einem Foto gesehen hat.

Am nächsten Morgen: Tuktuk. Dann aber Fähre.

Wir fahren flussaufwärts nach Mingun. Marie schläft. Es ist ein sonderbares Licht – das Wasser des Irrawaddy, die Sandbänke und der Nebel verschwimmen. Wieder ein Amerikaner als Mitreisender. Dieser erzählt jedoch, er lebe in China, die USA sei bei dieser Politik kein guter Ort zum Leben. Sympathisch, macht aber nachdenklich. Ob China der bessere Ort ist? Der Dieselmotor blubbert vor sich hin.

Nordwestlich angekommen, laufen wir zur Hsinbyume-Pagode. Das Bauwerk ist so weiß und hell, dass die Kombination mit Sonne den Aufenthalt auf ein Minimum begrenzt. Wir schlendern zur nächsten Sehenswürdigkeit – es ist das erste Mal auf dieser Reise, an dem wir recht regelmäßig überzeugt werden sollen, dass wir genau hier Ketten, Klamotten, Bambuslatschen, Kokosnüsse, Gemälde oder Thanaka-Paste kaufen sollen.

Die Mingun-Pagode anschließend gleicht dem Turmbau zu Babel. Vielleicht war er das ja auch. Sollte mal die größte Pagode des Landes werden, Erdbeben und Fehlkonstruktion wetteten dagegen. Die Pagode “bröckelt”.

Auf der Fährfahrt zurück sehen wir einen Flussdelphin. Marie lässt sich von einem Franzosen ein Madonnenbild erklären. So unterschiedlich ist die Familie zu begeistern.

Dann folgt: Tuktuk. Mittagsschlaf. Tuktuk. Einkaufen. Windeln und burmesischen Rotwein, Jahrgang 2015, Shiraz. Tuktuk. Hotel. Tuktuk. Restaurant. Tuktuk. Hotel. Schlafen.

Morgen geht es per Taxi nach Bagan. Wir freuen uns sehr. Dort hoffen wir dann auch auf einen schöneren Blick aus dem Fenster: dieser hier geht nämlich nur 30 cm – zur nächsten Hauswand.

Mandalay eben – “puh, ja, geht so.”

Veröffentlicht von Phi

Tüddelbüddel

Ein Kommentar zu “Flussschwein.

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