Wunderkerze.

Wir sitzen in einem Baumhaus. Vor uns das Kuaotunu Tal, am Horizont die Thames Förde. Coromandel-Halbinsel. Man riecht noch den Rosmarin vom Grill, der Shiraz kommt aus der Hawkes Bay. Über uns die Milchstraße, Sternenhimmel aus dem Bilderbuch. Wir lauschen einer Unterhaltung. Es wird diskutiert und laut gerufen, Nachbarn oder Liebespaar. Es sind Kiwis. Nachtaktiv, halb-blind, flugunfähig. Weil es in Neuseeland aber sonst nur heimische Insekten, Schnecken, Eidechsen und Vögel gibt (und eine Fledermaus-Art), wurde ein Huhn-großer Behinderter also Nationaltier.

Die letzten Tage waren etwa wie “Ich hätte gerne Streusel und Krokant über das Eis”.

Wir waren Sanddünen-Surfen und haben gelernt, wie es sich anfühlen muss, ge-sandstrahlt zu werden. Haben eine Bootstour in der Bay of Islands gemacht – mit gebotox-ten kanadischen Ehepaaren, die auf einer 90-tägigen Kreuzfahrt sind – einmal um die Welt. Schnorchelnd die Fischwelt betrachtet, mit Erstaunen die Fischgrösse erlebt. Ein ausgewachsener Porae ist so groß wie ein Ferkel.

Haben mit John Wein getrunken und gemeinsam gelacht, als er uns beim Thema Coronarvirus vorgerechnet hat, dass in China am Tag auch ohne Virus sowieso 26.000 Menschen sterben und er die Panik nicht versteht – das Leben in der Stadt, verglichen mit dem Landleben, sei ähnlich wie mit Bäumen: pflanzt man sie zu dicht, werden sie krank und sterben.

Und wir sind Auto gefahren. Von der Bay of Islands nach Bethells Beach, wieder Richtung Süden, in den Norden Aucklands. Pausen vom Autofahren an und im Meer. Marie liebt Meer, Wellen und Strandgut jeglicher Art.

Wir wohnen bei Anna, einer Filmemacherin. Sie hat eine Hütte im Garten, Berghang, Panorama-Blick aus zwei 3-Meter-Fenstern in Küche und Schlafzimmer. Frische Kräuter für Tee. Kein WLAN, kein Handyempfang. 39-Grad-warmer Whirlpool auf der Terrasse. Unglaublicher Ort. Risotto mit Tomaten aus dem Garten, bitte.

Wir wandern einen Teil des Hillary Trails. Der Sand an der Westküste ist schwarz, barfuß vor Hitze kaum betretbar. Menschenleer. Anna sagt, wir sollen zum Wainamu-See laufen. Der sei um diese Jahreszeit sehr warm. Wir können den See umrunden, auf halber Strecke käme ein Wasserfall. Tolles Wasser, wir können darin baden. Um dorthin zu kommen, entweder durch das Flussbett laufen oder über die große Düne. Machen wir. Die Natur übertrifft sich auf dieser Strecke selbst, packt die komplette grüne Farbpalette aus. Später kreuze ich bei Airbnb an – besser als erwartet!

Jetzt sitzen wir zwei Tage danach im Baumhaus von Ange. Der Weg zur Halbinsel, südöstlich von Auckland, verlief fast ausschließlich entlang der Küste, hellblaues Wasser. 29 Grad Außentemperatur.

Richard, ihr Mann und Baumhaus-Erbauer, erklärt uns, an welche Strände wir gehen sollen – an Hand einer Karte der Region auf einem bedruckten Kissen. Lachend erzählt er von den “old Broncos”, die es dort gäbe und wie “cool” es sei, ihnen beim Schwimmen zu begegnen. Wir lachen etwas gequält – “Broncos” ist eine Abkürzung für Bronze-Hai. Die tun nichts, die wollen nur spielen.

Der Kühlschrank ist voll, die Vorgänger haben Bier zurückgelassen. Marie schläft im eigenen Bett, Stabheuschrecken beobachten uns beim Kaffeetrinken – oder andersherum. Was für ein Fleckchen Erde!

“Ich hätte gerne Streusel und Krokant über das Eis.” Neuseeland: “Gern. Nicht erschrecken, steckt noch ne Wunderkerze drauf!”

Veröffentlicht von Phi

Tüddelbüddel

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