Husten.

Der Süden wird rau. Ein bisschen verwegen und wild. Graue Wolken, Regenschauer, Wind. Das Meer trägt 3-Tage-Bart und knurrt mit ordentlichen Wellen. Die hört man durch das geschlossene Fenster. Am Strand erholen sich Seelöwen, rollen sich im Sand, sobald die Sonne hervorblitzt. Unser Ziel ist die Catlin Coast.

Wir segeln entspannt auf dem Highway Richtung Dunedin. Wenn Marie nicht schläft, verteilt sie großflächig Reispuffer. Mein Revier. Sie testet unsere Reaktion, in dem sie barbarisch brüllt. Drehen wir uns um, grinst sie uns an. Wo sind die Grenzen?

Pazifik-Brise zum Mittagessen gewinnt, Rebellion beendet. Wir erreichen Port Chalmers am Nachmittag, Careys Bay. Vor uns liegen Fischerboote, die die Bucht nachts verlassen. Wir belohnen uns mit einem Abendessen im Historischen Hotel. Roher Fisch in Kokos-Milch und Seafood-Platter. Muscheln in allen Formen, teilweise zu groß für unseren Geschmack. Marie schimpft und unterhält ihre Eltern, in dem sie Dinge auf den Boden wirft. Manchmal entsteht ein leiser Zwiespalt, wie schön so mancher Moment wäre, wenn wir nur zu zweit wären…Eltern-Sein mal ehrlich.

Wir frühstücken gemütlich, beobachten einen Tintenfisch im Hafenbecken. Gleichzeitig erreicht ein großes Kreuzfahrtschiff den Hafen, die Sonne zeichnet ein glanzvolles Spiegelbild der Umgebung im Wasser. Wir finden die langgezogene Bucht von Dunedin so schön, dass wir eine zweite Nacht „buchen“. Machen einen Tages-Auflug an den Tunnel-Beach, später fragen wir den Platz-Nachbarn für die kommende Nacht in Aramoana, ob wir hier parken können. Seine Antwort: Good as Gold.

Seelöwen in den Dünen, Nebelbank beim Abend-Spaziergang. Bei einer Flasche Wein sprechen wir über das Buch, was ich zur Zeit lese. „Wir sind das Klima“ von Jonathan Safran Foer. Hat Herr Rossmann von rossmann 2000fach gekauft und jedem deutschen Politiker geschickt, weil es ihn so beeindruckt hat. Inhalt: Wie unsere Ernährung und landwirtschaftliche Tierhaltung das Klima beeinträchtigt. Eier, Milch, Fleisch. Wie weit verzichten wir, um später nicht sagen zu müssen – wussten wir, haben wir nicht gemacht, weil das Spiegelei oder das Steak einfach zu geil geschmeckt hat! Am nächsten Tag im Supermarkt frage ich mich, warum wir die Einzigen sein sollen, die verzichten…fängt ja gut an!

Dunedin im Regen ist ernüchternd. Wir füllen und entleeren alle Tanks, die das Auto hat, lassen Stoßstangen heil und haben das Meer als Ziel. Schotterstraße. Purakaunui Bay. Die Steilküste hat ein bisschen Platz für einen wunderbaren Strand abgegeben. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man Strandsand aus dem Auto fegen kann.

Am Abend teilen wir uns auf – Claire bringt das Kind ins Bett, ich koche. Als Marie fast eingeschlafen ist, rutscht mir das burmesische Chili in der Pfanne etwas aus. Es dauert nicht lange – erst huste ich, dann husten alle. Marie lacht und ist wieder wach. Der Räucherlachs ist eine Offenbarung.

Den kommenden Tag verbleiben wir hier. Beobachten Wellen, Camper, Surfer und Seelöwen. Warten vergebens auf Sonne, bauen Häuser aus Duplo, trinken Tee und essen Schokolade, sind genervt voneinander und lachen gemeinsam, kämpfen mit baum-dickem Seetang und Müdigkeit, gehen spazieren, malen, kochen und schlafen.

Marie fordert gerade Alles ein. Saugt auf, wie ein Schwamm. Ist jeden Morgen größer als zuvor. Testet, geht an die Grenzen. Vollgas. Sie lebt in Extremen, von Müde bis Hellwach. Erzeugt Liebe, Stolz – Gereiztheit und Genervt-Sein. Vollbeschäftigung. Manchmal haben wir das Gefühl, nur noch zu reagieren, als vorzugeben oder zu kontrollieren. Schlafentzug ist berechtigte Folter.

Die anschliessende Nacht ist kalt. Etwas Kälte-steif betätigen wir am Morgen den „Heater“-Hebel. Die Sonne beleuchtet einzelne Ausschnitte am Strand und die Dünung der Wellen. Der Kaffee dampft wohlwollend. Ein Nachbar parkt aus, hupt. Einmal, zweimal, mehrmals. Das ständige Hupen bringt alle zum Lachen. Verräterisch: Anfängerfehler.

Es ist der neuseeländische Schutz vor dem „Fahren mit angezogener Handbremse“.

Marie isst genüsslich eine Blaubeere.

Veröffentlicht von Phi

Tüddelbüddel

2 Kommentare zu „Husten.

    1. Danke fürs Lesen, lieber Perry. Es ist ein Schreiben für die Daheimgebliebenen, die Quarantänierten UND für uns selbst…sonst vergessen wir zu viel!

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