Erdnussbutter.

04:18. Wir sind wach. Besprechen Pläne, werden hektisch. Was sollen wir tun? Mein Herz rast. Völlige Überforderung.

Wir haben die ersten Tage der Isolations-Maßnahmen überstanden. Hat nicht weh getan. Mittwoch Abend gab es einen, bis dahin nie gehörten, Alarmton auf jedem Handy, Push-Nachricht. Die neuseeländische Regierung. Alarmstufe 4, jeder bleibt auf seinem Platz. 4 Wochen Ausgangs-Sperre, keiner darf mehr weg. Auf Englisch klingt es wahnsinnig, Hollywood.

Auf Nachfrage und Wunsch haben wir von Jenny, der Caretakerin, Aufgaben bekommen. Einen Weg aus Steinen anlegen und das Aussenbad samt Badewanne am Strand renovieren. Kurze Zeit später sammeln wir kleine weiße Steine. Ein wenig grotesk – wir sammeln Steine, hängen den ganzen Tag am Strand ab und gleichzeitig geht die Welt unter. Vielleicht. Möwen schreien.

Es bleibt eine spezielle Zeit. Wir hören weiter Podcast‘s, lesen gute Zeitungsartikel, kriegen verstörende .pdf‘s, versuchen informiert zu bleiben. Hilft das, macht es das besser? Lieber nicht informieren und den Ort genießen? Es ist ein ständiger Konflikt, ein wiederkehrendes Abwägen. Rückflug organisieren? Als Arzt arbeiten? Gesund bleiben und für die Familie da sein, ethisch-moralisch richtig? In eine lang-andauernde Situation kommen, in der man nicht mehr einfach so nach Hause kommt? Aber zuhause ohne Wohnung. Schwierig.

Mit der Zeit und den Sonnenstrahlen wird es einfacher, klarer. Die erste Unsicherheit schwindet. Level 4 entscheidet mit – wir haben eh keine Wahl. Schicksal‘s Schlag: Kina Beach Reserve. Marie’s Corona-Gleichgültigkeit ist eine gute Lehrmeisterin…wahrscheinlich. Wir werden, alle, einen Weg finden (müssen), mit Corinna umzugehen. Die Camper-Vermietung hat es scheinbar auch getan – wir bezahlen ab jetzt einen täglichen, sehr anständigen Preis.

Die erste Unsicherheit der Campingplatz-Nachbarn uns gegenüber, die untereinander recht eingeschworen sind, weicht ebenfalls. Gestern gab es ein erstes gemeinsames Lagerfeuer. Zwei Meter Sicherheits-Abstand zwischen den Stühlen, aber man teilt selbstgemachtes Chutney, Kekse und Käse. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Die Katze Max Socks und Marie teilen sich die Bühne der Aufmerksamkeit. Die Zuschauer: schräge Vögel und wir.

Jenny, die Caretakerin, angestellt bei der Gemeinde, wohnt das ganze Jahr auf dem Platz in einem großen, selbstgebauten, dunkelgrünen Wohnwagen. Der Gemüsegarten dahinter ist ein Sammelsurium aus Krimskrams, Schrott und Kunstwerken aus Strandgut, Muscheln und Holz.

Am Eingang des Camps lebt Chris. Ein recht junger Kerl, der eine ähnliche Gesichtsfarbe wie sein Wohnmobil hat – irgendwas zwischen grau und weiß. Jenny sagt, er hat ein Herz-Problem. Der Konsum von bewusstseins-erweiternden Stoffen könnte auch ein Grund sein. Einen lustigen Humor hat er allemal.

Dann gibt es Marc, Bruce-Willis-Typ. Schiebermütze bei Wind, große hellblaue Jeans bis zum Bauchnabel. Brachte zum Lagerfeuer Kartoffeln in Joghurtsosse mit, die keiner so richtig probieren wollte. Auch weil er sagte, er habe sie mit Tabasco aufgepeppt.

Direkt neben Marc wohnt Guzza, der Maler. Zunächst dachten wir, er sei wie der typisch bayerische Grantler, ist er eigentlich wunderbar herzlich. Er wurde mit seiner Malerei zum National-Award nominiert und liebt teuren russischen Wodka.

Unsere direkte Nachbarin ist Jane. Power-Frau. Arbeitet im Abel-Tasman-Nationalpark, der aber zur Zeit geschlossen hat. Also wartet sie hier, wohnt in Ihrem Wohnwagen. Der hat einen großen Hexen-Besen auf der Seite. Jane rödelt die ganze Zeit, wäscht, kocht, fährt mit dem Schubkarren durch „unser Dorf“ und baut eine Dusche in den Apfelbaum.

Allen gemeinsam: Neuseeländer, herzlich, schwarze Gummistiefel. Interessiert an uns und unserem Schicksal, gastfreundlich mit Rat und Tat an unserer Seite. Die nächste Airbnb-Unterkunft, die wir geplant aber absagen mussten, schreibt, sie wären und bleiben gerne unser Plan B, wenn sich unsere Situation ändert. Seini aus Auckland schreibt, wenn wir Probleme haben, in Christchurch sitzt Ihre Vorgesetzte, Kinderärztin, die uns jederzeit helfen kann. Unser Auffangnetz downunder wird dichter. Fühlt sich gut an.

04:18. Wir haben eine Maus im Camper. Wir sind uns seit 2 Tagen Ihrer Existenz bewusst, wie lange sie uns schon kennt ist fraglich – wahrscheinlich länger. Zunächst waren wir noch tierlieb und sehr pazifistisch eingestellt – wollten Maus Maus sein lassen. Aber irgendwann nachts wachte Claire auf, hörte ihr hektisches Getrippel auf dem Weg zu Maries Resten vom Croissant. Möglicherweise gab es auch geheime Absprachen zwischen Kind und Nagetier, das würde zumindest Maries großflächiges Essverhalten erklären.

Zurück zum Getrippel: Wenn man es einmal hört, hört man es die ganze Zeit. Es zehrt an den Nerven. Die Gleichgültigkeit und die Bereitschaft zum Teilen verschwindet minütlich. Aus Friede wird Krieg.

Wenig später stand ich, mit einem kleinen Topf bewaffnet, halbnackt, im Camper. Mit einem Topf! Was für eine bescheuerte Idee! Wie in alten Filmen. Es gab kurze Jagdszenen, Herr oder Frau Maus kannte sich jedoch gut aus, konnte immer wieder abtauchen. Human vs. Maus: 0:1

Wir brauchen also Fallen. Wir sind in einer Notlage und können keinen Vierten durchfüttern. Außerdem gehört ein Nagetier leider nicht zu den endemischen Tieren der Insel, wir tun also etwas für Flora&Fauna. Guzz sagt – Falle mit Erdnussbutter bestücken. Mäuse lieben Erdnussbutter.

Die Jagd beginnt. Quarantäne-Tag 4.

Nachtrag: Kantersieg für uns! Camperlife!

Veröffentlicht von Phi

Tüddelbüddel

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