Noch 10.

Grauer Teppichboden ist super gegen Flecken. Gerade wenn ein Hochstuhl darauf steht, in dem Lasagne gegessen wird. Die Klimaanlage rauscht, auf der Wäscheleine sitzt ein Spatz. In das Kinderzimmer blitzt um diese Uhrzeit die Sonne durch das Rollo und wir überlegen, ob wir nicht ein bisschen netflixen am Nachmittag – wenn Marie ihren Mittagsschlaf im Hochbett macht. Wir genießen die Gedankenlosigkeit, den Wasserhahn laufen zu lassen – obwohl wir in den ersten Tagen kurzfristig ein schlechtes Gewissen hatten. „Nicht zu lange, sonst muss man den Wassertank…“ … „Ach nee, stimmt!“

Wir hängen ab. Lesen, malen, spielen Verstecken auf 60qm. Marie lacht sich kaputt und krabbelt schneller als je zuvor. Stehen und laufen ist in Ihrer Welt ganz lustig, aber völlig überflüssig. Schlafen auch. Nachts zwischen 3 und 5 könnte es theoretisch möglich sein, dass irgendwas passiert und außerdem sind ja die Straßenlaternen an. Sieht man unter der Jalousie – schau doch mal Mama! Eine Erklärung können die Zähne sein. 10 sind es schon, also nochmal 10. Opa rechnet vor: 5-7 Tage pro Zahn…herzlichen Glückwunsch!

Die Quarantäne hat sich zu etwas Meditativem entwickelt. Man lebt im Moment. Plötzlich werden die ganzen Postkarten, Autoaufkleber, Glückskekse und Wandsprüche zum gelebten Alltag. Keine Gedanken über die Vergangenheit, keine lohnenswerten über die Zukunft. Prinzipielle Vorstellungen ja, aber wer weiß, was kommt. Wie entwickelt sich die Geschichte, wohin führt der Weg? Es entsteht eine geistiges Vakuum, gefüllt mit Kinderlachen, Sonne, Meer und Erdnussbutter. Jeder Tag hat seine eigenen Höhen und Tiefen, Ebbe und Flut, Sorge und Zuversicht. Gas Bremse, Versagen Kraft. Der neue Morgen kommt zuverlässig und wenn es regnet…zieht man sich eben eine Regenjacke an. Oder wie man in Schleswig Holstein sagt: Da vorne wird es schon wieder hell!

New Brighton ist eine lustige Mischung an Menschen, Zuständen, Vorgärten und Unterkünften. Von selbstgebauten Strandhütten bis hin zu Edelstahl-Villen, Familien am Strand mit Hunden und grauen Hasenbergl-Gestalten, die sich im Alkohol verloren haben. Aus unserem Supermarkt New World wurde Countdown, in etwa aus Rewe Lidl. Wein ist nicht mehr geradeaus, sondern rechts-rum, Äpfel sind keine Pyramide mehr, sondern lose im Korb. Schon okay.

Noch 8 weitere Tage Level 3. Heute 2 Neuinfektionen, 20 Tote insgesamt, 201 aktive Infektionen. Alles überschaubar. Wettervorhersage ist gut, wir hören Möwen zum Frühstück und Lasagne schmeckt am nächsten Tag sowieso besser. Im Moment ist alles gut.

Claire kniet vor einem Küchenschrank: „Schau mal, hier ist ein Sandwich-Maker!“ Flut. Gas. Zuversicht. Kraft. Das grüne Licht erscheint mit einem leisen Klicken, der Käse brutzelt.

Veröffentlicht von Phi

Tüddelbüddel

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