Schinken-Brötchen.

Waiheke Island. Eine halbe Stunden lang fahren wir auf einer Schotterstraße. Vorbei an grünen Weiden und kleinen Wegen zu versteckten Buchten. Unser Ziel ist das Weingut Man-O-War. James Cook hat die Bucht vor ein paar Jahren mal gesehen und notiert, die Kauri Bäume wären tolle Masten für seine Man-Of-War-Schlachtschiffe. Heute gibt es hier fantastische Weine und Pizza und Fish‘n‘Chips. Am Strand.

Irgendwann verlassen wir das neuseeländische Sylt wieder. Mit schönen Erinnerungen im Gepäck und einem frischen Brot aus der Insel-Bäckerei. Per Fähre kehren wir zurück und fahren, von Regen begleitet, in den Norden Aucklands. Zwischen Browns Bay und Long Bay, wohnen wir die nächsten Tage in einem kleinen Cottage. Mit privatem Zugang an die Waiake Bucht. In dem Cottage hat früher der Gärtner gewohnt. Es ist wunderbar gemütlich, zur Begrüßung gibt es warmes Bananenbrot von Mandy, der Gastgeberin. Es ist unsere 21te Unterkunft in Aotearoa.

Am Donnerstag kehren wir zu Seini und Wilmason zurück. Hängen ab, kochen, schlafen aus. Telefonieren mit Fluggesellschaften, weil Flüge wieder storniert werden und mit der Polizei, weil das Auto aufgebrochen wurde. Einfach so, auf den letzten Metern. Nachts. Und weil wir einen Rucksack im Auto vergessen haben, ist plötzlich Maries Tagebuch weg, welches wir seit zwei Jahren führen, der Impfausweis und Buntstifte. Alles was weh tut und noch viel mehr. Eine kleine Belastungsprobe des Geduldsfadens. Er hält. Positive mind-Setting deluxe mit extra Soße.

Samstags fahren wir zum College-Rugby. Wie früher. Kings College, die teuerste Elite-Schule des Landes, gegen St. Peter’s, katholische Privatschule mitten in der Stadt. Das Spiel findet auf einem Platz statt, der umgeben ist von hohen Drahtzäunen. Wilmason nennt ihn „the Cage“, er habe es gehasst, hier zu spielen als Schüler. Es erinnert mich alles sehr an früher. Die väterlichen Maori-Gestalten am Spielfeldrand und die Schinken-Brötchen am Kiosk. Kings gewinnt 21:0.

Scheinbar sind die letzten Tage in Neuseeland gezählt. An einem der letzten Abenden sitzen wir mit Debbie zusammen, Neuseelands „Woman of influence“ 2019. Eine harte Nuss, die man lieber auf seiner Seite hat. Sie schwärmt von den pazifischen Inseln und sagt, sollten wir wiederkommen, dann hat sie dort sicher einen Job für uns.

Auf dein Wort, Debbie…

30:20.

Auckland Blues gegen Wellington Hurricanes, seit 15 Jahren erstmals wieder ausverkauft. Zum Ankick fliegt eine Militärmaschine im Tiefflug über das Stadion, es gibt Standing-Ovations als Dank an alle systemrelevanten Arbeiter. Ich erinnere mich an Spiele vor 20 Jahren in diesem Stadion, Eden Park. Tana Umaga war damals der Kapitän der All Blacks, der besten Rugby-Mannschaft der Welt.

Wir sind wieder zurück in Auckland. Wohnen bei Seini und Wilmason, genießen die familiäre Stimmung. Als Dank und Übernachtungspreis-Ersatz kochen wir Abendessen. Neuseeländer sind mit den gängigen italienischen Standard-Nudelgerichten einfach zu überzeugen, eine Spagetti carbonara wird für unsere Gastgeber zur Geschmacks-Sensation. Einfache Siege.

Die Tage zuvor haben wir auf dem Land verbracht. Kaukapakapa. So hieß der Ort. Eine kleine Hütte, in der regelmäßig der Kamin brannte und von der wir kleine Ausflüge machten. Zur Tölpel-Kolonie nach Muriwai – ohne Tölpel, keine Saison. Weiter zum Shakespeare Beach. Ohne Shakespeare, aber unendlich viele Muscheln, die genau untersucht werden mussten. So vergehen die Tage – gemütlich und schnell.

Heute sind wir auf Waiheke Island angekommen. Die Insel der Reichen, vor den Toren Aucklands. Per Fähre auf eine Insel mit mehreren Weingütern und traumhaften Stränden. Amerikaner lieben dieses Fleckchen Erde, es soll amerikanische Milliardäre geben, die hier Bunker-artige Gebäude zu Pandemie-Zeiten bezogen haben. Wir treffen keinen.

Dafür essen wir Croissants am Strand und verkleiden uns mit Seegras. Untergebracht sind wir bei Jens-Peter und Heidi aus Bremen. Eine ehemalige Krankenschwester und unser „Hausarzt“ aus Auckland. Jener, der die dramatische Vierfach-Impfung organisiert hat. Marie erinnert sich nicht mehr. Schön haben sie es hier!

Tana Umaga ist mittlerweile Assistenz-Coach der Auckland Blues. Würde man ihn vergleichen mit Fußball-Spielern, dann wäre er eine Art Schweinsteiger für die Neuseeländer. Eine (kleine) Legende des Sports, der Löwe aus Wellington. Am Sonntag stand er am Spielfeldrand, trug ein hellgrünes Leibchen und brachte den Spielern Wasser auf das Feld. Als sei es selbstverständlich, einfach so.

Auckland gewinnt 30:20.

Mitternachtssuppe.

Es ist 1 Uhr nachts. Vor der Tür laufen die zwei Windhunde immer wieder, trippelnd auf dem Holzboden, den Flur entlang. Marie wacht wiederholt auf und auch wir finden keinen Schlaf. War es der Kaffee im italienischen Supermarkt auf dem Weg, sind es die Gedanken aus dem Gespräch mit Scott, dem Gastgeber oder die neuen Geräusche aus der alten Villa? Der Cappuccino war gut, aber nicht zu spät, das Gespräch anregend, aber nicht aufwühlend. Neuseeland kann nur Neuseeland sein, weil es so weit weg ist. Erklärte uns Scott bei einem Rotwein und hat wohl Recht.

Die Hundepfoten auf den Dielen der Kauri-Lodge klingen sehr idyllisch und ländlich, passend zum Rondell vor der Eingangstür.

Wir haben Auckland verlassen. City of sails. Erholsame Tage mit Zoo-Besuch, Pasta von Mamma Rosa und König der Löwen per Disney Plus. Unvergesslich: eine Vierfach-Impfung der Tochter, jeweils eine Impfung in jede Extremität. Die Laune war bereits nach dem ersten Stich ausbaufähig.

Es gab Tomahawk-Steaks bei Seini und vegetarische Pizza aus dem Gasgrill von Bianca und Hendrik, den Airbnb-Gastgebern. Wir haben Schafe gestreichelt, unter Regenbögen gestanden und Mietwagen getauscht. Bucht man diese in Deutschland neu, ist es günstiger, als in Neuseeland zu verlängern. Soll einer verstehen.

Man geht abends mit einer Pandemie ins Bett und wacht morgens mit Massen-Unruhen in den USA wieder auf. Ein neues Kapitel, eine ver-rücktere Welt. Alles normal. Bilder von Plünderungen und Polizei aus Hubschrauber-live-Vogelperspektive wie in Grand Theft Auto, 1997. Das große Amerika, was man aus Zeiten von „The Last Dance“ erinnert, wird mehr und mehr surreale Scheisse wie „Tigerking“, nur in noch Echter, noch Schlimmer. Wie dieser Typ mit der Bibel vor der Kirche steht und die Fotografen vor lauter Tränengas würgen müssen…der perfekte Sturm. Gut, dass Marie nur ihren Duft auf amerikanischem Territorium gelassen hat – vielleicht eine entscheidende Message für ihre Zukunft.

Zurück zu unserer kleinen Landpartie. Wir werden die nächsten Tage im Dunstkreis von Auckland verbringen. Versuchen wieder den 3- oder 4-tägigen Rhythmus zu finden, Unterkünfte zu wechseln. Neue Menschen, neue Orte, neue Tiere. Wir haben gelernt, in solch einer undurchsichtigen Gesamt-Situation, fällt uns, bei zu langer Verweil-Dauer, zu schnell die Decke auf den Kopf. Man ist ja eh nicht in den eigenen vier Wänden, warum also nicht wechseln?

Aus einem eigenen Zwei-Zimmer-Apartment ohne Küche haben wir jetzt ein Privatzimmer in einer 1880-Gründerzeit-Villa gemacht – mit Wurmfarm und riesiger Gemeinschaftsküche einer Köchin, die jetzt Duftkerzen herstellt und im Dörr-Ofen Wildblumen trocknet.

Es ist jetzt 2 Uhr. Der Windhund bellt. Spätestens jetzt wären wir wach, Marie schläft nun regungslos. Besser so. Wer weiß denn auch schon, welches Kapitel am Morgen beginnt? Eines könnte sein:

Himbeeren nascht man am Besten, wenn sie auf dem Finger stecken und Windhunde klappern mit den Zähnen, wenn sie sich freuen.

Hafensushi.

Auckland. Wir sind zurück.

Im Nebel sind wir morgens aufgebrochen, nur mit einem Schnellkaffee im Bauch. Die vollen Straßen spülen uns in die Stadtmitte, ungewohnte Hektik auf vier Rädern. Wir haben einen Termin um 10 in der amerikanischen Botschaft. Hat man einmal Zeitdruck, alle Eltern kennen es, kommt es typischerweise zu einem seltenen Phänomen: genau diesen Moment erklärt Marie zum Hals-Fuß-Fiasko. Kacke. Alles voll. Kurze Zeit später klagt sie über ihre Nacktheit im Parkhaus, um sie herum liegt eine Packung Feuchttücher verteilt auf einer freien Parkbucht. 20 Minuten später nehmen wir, außer Atem, den Kinderreisepass entgegen. Ohne Visum. Dennoch grinsend, weil wir auf amerikanischem Hoheitsgebiet einen ordentlichen Kackegeruch hinterlassen. Yes!

Wir haben uns gegen die Amerika-Route entschieden und warten nun auf ein adäquates Asien-Fenster im Juli. Die nächsten Wochen verbringen wir im milderen Norden und gestalten ein friedliches Ende mit einer Reise, die anders geplant war. Erkennen, dass wir (vielleicht noch) keine Auswanderer-Typen sind, die so weit weg von Freunden und Familie sein würden. Und Gelbwurst. Spüren kein Heimweh, aber irgendein Gefühl von Heimat. Können jedoch ein Fernweh, die Sehnsucht nach interkontinentalem (Weiter)-Reisen unter diesen Umständen aktuell nicht mehr bestätigen. Die globale Leichtigkeit und Luft ist raus. Es wird spannend, wann sich der internationale Tourismus zu einem präcorona’rem Zustand rehabilitiert – Föhr, Plattensee, Jesolo warten. Wie in den 70‘ern.

Die Nächte zuvor, auf der Fahrt vom südlichen Wellington ins nördliche Auckland, waren eine Mischung aus Hotel, in dem wir morgens von der motivierend-schreiend Fitnesslehrerin im nebenan liegenden Studio geweckt wurden und einem Wohn-Seecontainer am Waikato-River, mit Aussenbad und „Alter-Fuck-bist-du-nah-willst-du-nicht-wegrennen“-Erfahrung mit einem katzengrossen Possum. Abends auf dem Balkon.

Jetzt wohnen wir erstmal bei Bianca und Hendrik, zwei deutsche Auswanderer aus München mit Tochter. Doppelt verglaste Fenster, Heizkörper in jedem Zimmer, große Kisten voller Playmobil und Grohe-Amaturen im Bad. Deutsches Wohlfühl-Akklimatisieren in Ikea-Möbeln.

Natürlich gibt es Momente, in denen wir uns fragen, ob das die Grundidee der Reise war. Quarantäne-Zeit absitzen in einer spiessigen Ferienwohnung in Christchurch oder in Decken-gehüllt netflixen, wo doch Südsee geplant war. Unser Virus-Preis. Aber wenn man dann Sushi am Strand von St. Heliers isst und auf den Hafen und die Skyline von Auckland guckt, sich an Weihnachten auf Koh Phagan oder radeln durch Bagan erinnert, dann gibt es keine Diskussion. Und jede Minute, Geschmack oder Geruch…ist irgendwo ganz tief in einem kleinen Mädchen-Herz. Und unseren.

Aber kann (so) eine Reise überhaupt (so) zu Ende gehen…!?

Kaitaki.

Der Himmel über Wellington ist hellgrau. Ein Tui im Hinterhof schimpft und gurgelt schon am Morgen, wir stellen die Klimaanlage im kleinen Wohnzimmer an, um unsere Unterkunft für die nächsten Tage zu wärmen. Der Plattenspieler will die Paolo-Conte-LP nicht spielen.

Wir haben es geschafft, gestern haben wir die Nordinsel erreicht – aus 30 Tagen Südinsel hat Covid 83 Tage gemacht. Die Interislander-Fähre hieß Kaitaki, segelte durch den engen, Regenwolken-vergangenen Marlborough-Sound und ermöglichte uns, im Wind auf dem Aussendeck stehend, Abschied von spektakulären Wochen zu nehmen. Hector-Delfine begleiteten uns.

Die Tage zuvor wohnten wir in einem alten Ferienhaus in Anakiwa. Mit einem tollen Blick in den Grove Arm des Queen Charlotte Sounds konnten wir morgens Seelöwen beim Jagen beobachten, mussten aber morgens-mittags-abends den Kamin füttern, weil es deutlich kälter wurde. Holzofengeruch gemischt mit Kaffeeduft und getoastetem Brot. Es war gemütlich – auch durch die großmütterliche Atmosphäre mit altem Röhren-Fernseher, Heizdecke im Doppelbett und Herd-Ungetüm.

Wir machen kurze Ausflüge, wandern am Vatertag am Cullen-Point und stehen vor neuen Herausforderungen: die Lufthansa verändert den Flugplan, unsere geplante Heimreise mit Flug über LA passt nicht mehr. Stornierung.

Die amerikanische Botschaft und Trumps Grenzpolitik entfaltet sich in ganzer Pracht, ähnelt der Gaius Pupus Aufgabe an Asterix und Obelix, Passierschein „A 38“ zu besorgen. Immer mehr Fragezeichen entstehen am möglichen Flug über die USA, sind so unverhältnismäßig, „A 39“ aus „B 65“? Wir werden also wahrscheinlich einfach länger in Neuseeland bleiben, den Kinderreisepass zurück-erobern und über Asien fliegen. Man muss ja nicht jeden Quatsch mitmachen.

Die nächsten Wochen bleiben also offen. Wir denken einfach nur noch an Heute und Morgen, das „Übermorgen“ bleibt unplanbar. Wir gehen jetzt zu meinen alten Gasteltern Paul und Lita zum Mittagessen, danach an der Küste spazieren. Kaitaki heisst „Challenger“ auf Maori. Morgen wird unsere Herausforderung sein, neue Schuhe für Marie zu kaufen. Die läuft nämlich jetzt.

Ein Schritt vor den Anderen. Kleine Schritte.

Herbst.

Nur ein paar Zeilen. Keine Schönschrift.

Wir haben Christchurch verlassen. Irgendwie waren wir froh, als es weiterging. Dieses Mal in einem roten Auto, mit Handbremse im Fußraum. Der Weg führt uns an der Ostküste entlang, das Meer auf der rechten Seite. Kaikoura. Eine der großen Touristenattraktionen auf der Südinsel: 1,6km vor der Küste fällt der Meeresboden auf 1,6km Tiefe. Plankton wird nach oben gedrückt, All-you-can-eat für Wale und Delphine. Auf dieses Erlebnis müssen wir erstmal verzichten. Die Mischung aus Nebensaison und Covid-19 hat alle Touristen aus dem Ort gespült, wir sind (gefühlt) die Ersten und Einzigen. Am Abend im Pub kommt die Wirtin an den Tisch und bedankt sich, dass wir überhaupt gekommen sind.

Die nächsten Nächte verbringen wir auf einem Weingut in Riwaka. Mit Hängebauchschweinen, Hühnern, Enten und Schafen. Marie ist außer sich. Es ist Herbst geworden, die Reben sind leer, die Blätter goldgelb. Und es ist kalt geworden. Wir besuchen unsere Bubble in Kina Beach. Große Freude und herzliche Umarmungen. Ein wenig merkwürdig ist es, dass Camp erneut zu besuchen – mit vielen Fremden und neuankommenden Gästen. Gaz, Chris, Jenny und Jane sind noch da. Und natürlich die Katze. Es ist schön wie eh und je.

Die nächsten Tage werden wir in der Gegend verbringen, im Norden der Südinsel. Abel Tasman Nationalpark, Golden Bay. Orte, die wochenlang so nah waren, aber unerreichbar. Nächste Woche dann Picton und die Malborough Sounds, kommenden Samstag per Fähre auf die Nordinsel.

Wir haben einen Rückflug gebucht. Damit es aber spannend bleibt, erkennt die USA den Kinderreisepass nicht an, fordert für Marie und 2,5 Stunden Transit in LA ein Visum. Mehrere Stunden füllen wir Fragebögen aus, ob die kleine Dame einen Genozid plant und bezahlen 140€. Verschicken Geburtsurkunde und Flugtickets als Beweis. Möglicherweise folgt noch ein Interview in Auckland – alles verständlich, bedenkt man, wie toll und bunt und grenzenlos und fortschrittlich und großartig die USA doch ist. Jeder möchte dorthin…gerade jetzt… …

Wir brauchen ein bisschen Zeit, den etwas faden Beigeschmack loszuwerden. Brauchen das unendliche Meer, um uns mit genau diesem Ende der Reise anzufreunden. Eine Pandemie – im Ernst? Das letzte Kapitel dieser Geschichte so anzunehmen, nur um auf eine Fortsetzung zu warten. Pausierte Sehnsucht, Fernweh in Warteschleife. Akzeptanz entsteht nur langsam – durch die wärmende Herbst-Sonne, den erfrischenden, salzigen Wind. Die glucksenden Wellen der Tasman-Bay, die so oft an die Ostsee erinnern. Und nicht an den Pazifik.

So soll es also sein…

Teppichreiskörner.

Wir sitzen am Strand auf einem großen Stück Treibholz. Marie spielt vor uns im Sand, steckt sich mit Vorliebe die kleinen Seetang-Kügelchen in den Mund. Der Sand in New Brighton ist weich, liegt in der Hand wie Mehl. Heute Nachmittag ist eine eigenartige Stimmung an der Küste, ein sonderbares Licht. Klarer Blick gen Norden, wir sehen den Manakau, ein Berg über Kaikoura, 160km entfernt. Wunderbare Wellen kommen sauber am Strand an, geordnet in Sets von 7. Ein Vater surft mit seinen Jungs vor uns…und „war das gerade ein Delphin?“ Vier Delphine jagen in der Nachmittags-Sonne.

So verbringen wir unsere Tage. Frühstücken lange, waschen Wäsche, hören Musik, beschäftigen Marie. Oder anders rum. Schläft das Kind, räumen wir Spielzeug-Explosionen auf und sammeln Reiskörner vom Teppich. Das Schlafdefizit ist so groß wie die Sehnsucht nach italienischem Rotwein. Wir hängen diagonal und vertikal im Sessel oder auf dem Sofa, philosophieren über Zustände.

Einen Zustand der Gesellschaft, bei dem sich schnell eine Distanz zwischeneinander etabliert hat – wo Menschen große Bögen um Mitmenschen machen, wo beim Spaziergang die Straßenseite gewechselt wird. Wie schnell diese Formatierung stattfand und wie lang es wohl dauern wird, zu einem alten Status zurückzufinden. Funktioniert es anders rum auch? Wenn die Regierung sagt, sie dürfen jetzt wieder ihrem Nachbarn auf die Pelle rücken? Tut eine Regierung so etwas offiziell?

Wir reden jedoch auch über unseren Zustand, unsere Pläne. Unsere Reisepläne wurden derart verändert, dass die Reise realistisch beendet ist. Die pazifischen Inseln sind zu, Japan oder Indonesien kein sinnvolles „nächstes Kapitel“. Selbst mit geöffneten Grenzen, ist die Wahrscheinlichkeit mit völlig offenen Armen, ohne Quarantäne-Forderung, ohne Vorurteil Fremden gegenüber, ohne Einschränkung in jeglicher Infrastruktur und Touristen-Angebot so unwahrscheinlich, wie die einkehrende Vernunft bei Trump. Also muss das Eintauchen in die hellblaue Pazifik-Welt verschoben werden. Neu-Kaledonien muss nochmal warten. Wir hingegen verweilen also nur noch, bis die Biergärten wirklich offen sind. Dann kommen wir irgendwann heim. Diese Reise ist nach unserem Geschmack nicht fertig, wir kommen wieder. Rien ne va plus!

Gestern wurde in der täglichen Pressekonferenz erklärt, wie Level 2 aussehen könnte. Die Premier-Ministerin bestätigte, dass wir uns dann im Land frei bewegen können, Menschen besuchen und in Gaststätten essen dürfen, wenn gewisse Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden. Aber erst Montag wird verkündet, ob Level 2 24 Stunden später in Kraft tritt. Vorher ist eine Buchung von Mietauto, Unterkunft, Fähre und Flug aber nicht möglich. Es gibt also einen theoretischen Masterplan im Kopf, die Regierung hat aber die Fernbedienung und bestimmt das Program.

Also eben Netflix. Tigerking, Last Dance, win-the-wilderness. Mit Marie fangen spielen, lesen und Fotobücher beenden. Und eben Strandspaziergänge mit Delphinen – ob die wissen, dass in den roten Holz-Spielzeug-Bus 16 Insassen passen?

Marie entdeckt an der Scheibe eine grüne Raupe. Zwischen hier und Samoa gibt es also doch noch ein bisschen was zu entdecken…

Kiwibeeren zum Beispiel.

Noch 10.

Grauer Teppichboden ist super gegen Flecken. Gerade wenn ein Hochstuhl darauf steht, in dem Lasagne gegessen wird. Die Klimaanlage rauscht, auf der Wäscheleine sitzt ein Spatz. In das Kinderzimmer blitzt um diese Uhrzeit die Sonne durch das Rollo und wir überlegen, ob wir nicht ein bisschen netflixen am Nachmittag – wenn Marie ihren Mittagsschlaf im Hochbett macht. Wir genießen die Gedankenlosigkeit, den Wasserhahn laufen zu lassen – obwohl wir in den ersten Tagen kurzfristig ein schlechtes Gewissen hatten. „Nicht zu lange, sonst muss man den Wassertank…“ … „Ach nee, stimmt!“

Wir hängen ab. Lesen, malen, spielen Verstecken auf 60qm. Marie lacht sich kaputt und krabbelt schneller als je zuvor. Stehen und laufen ist in Ihrer Welt ganz lustig, aber völlig überflüssig. Schlafen auch. Nachts zwischen 3 und 5 könnte es theoretisch möglich sein, dass irgendwas passiert und außerdem sind ja die Straßenlaternen an. Sieht man unter der Jalousie – schau doch mal Mama! Eine Erklärung können die Zähne sein. 10 sind es schon, also nochmal 10. Opa rechnet vor: 5-7 Tage pro Zahn…herzlichen Glückwunsch!

Die Quarantäne hat sich zu etwas Meditativem entwickelt. Man lebt im Moment. Plötzlich werden die ganzen Postkarten, Autoaufkleber, Glückskekse und Wandsprüche zum gelebten Alltag. Keine Gedanken über die Vergangenheit, keine lohnenswerten über die Zukunft. Prinzipielle Vorstellungen ja, aber wer weiß, was kommt. Wie entwickelt sich die Geschichte, wohin führt der Weg? Es entsteht eine geistiges Vakuum, gefüllt mit Kinderlachen, Sonne, Meer und Erdnussbutter. Jeder Tag hat seine eigenen Höhen und Tiefen, Ebbe und Flut, Sorge und Zuversicht. Gas Bremse, Versagen Kraft. Der neue Morgen kommt zuverlässig und wenn es regnet…zieht man sich eben eine Regenjacke an. Oder wie man in Schleswig Holstein sagt: Da vorne wird es schon wieder hell!

New Brighton ist eine lustige Mischung an Menschen, Zuständen, Vorgärten und Unterkünften. Von selbstgebauten Strandhütten bis hin zu Edelstahl-Villen, Familien am Strand mit Hunden und grauen Hasenbergl-Gestalten, die sich im Alkohol verloren haben. Aus unserem Supermarkt New World wurde Countdown, in etwa aus Rewe Lidl. Wein ist nicht mehr geradeaus, sondern rechts-rum, Äpfel sind keine Pyramide mehr, sondern lose im Korb. Schon okay.

Noch 8 weitere Tage Level 3. Heute 2 Neuinfektionen, 20 Tote insgesamt, 201 aktive Infektionen. Alles überschaubar. Wettervorhersage ist gut, wir hören Möwen zum Frühstück und Lasagne schmeckt am nächsten Tag sowieso besser. Im Moment ist alles gut.

Claire kniet vor einem Küchenschrank: „Schau mal, hier ist ein Sandwich-Maker!“ Flut. Gas. Zuversicht. Kraft. Das grüne Licht erscheint mit einem leisen Klicken, der Käse brutzelt.

Beautiful.

Sie haben ihr Ziel erreicht. Welch ein Ritt – wir sind um 4 Uhr aufgestanden und haben kurze Zeit später den Campingplatz in Tasman verlassen. Kina Beach und unsere Bubbel zurückgelassen. Die Nacht ist stockfinster. Wir begegnen in den ersten zwei Stunden nur einer Handvoll Autos. Marie schläft, unser Plan geht auf. Erinnerungen auf der Autofahrt durch fantastische Herbstlandschaft.

Anzac-Cookies von Jane. Traditionelles Gebäck aus Getreide und Kokusnussflocken, die die Soldaten damals, so ähnlich, bei sich hatten.

Am Vormittag erreichen wir die Ferienwohnung. Klein, gemütlich und mit allem ausgestattet, was unser Camper-Herz begehrt: Netflix, Dusche, Geschirrspüler. Hochstuhl für Marie und Kohlenmonoxid-Detektor. Die Spießigkeit und Sterilität der Wohnung schreit aus jeder Ecke, tut aber gerade so unglaublich gut. Wir duschen egoistisch lang, waschen jede Socke und scrollen, befriedigend, durch das Netflix-Angebot. Ohne etwas zu schauen, die Existenz beruhigt allemal.

Die letzten Tage in Kina waren gemütlich. Das Ende der 4,5 Wochen versprach nahezu Virus-Freiheit – es gab einige wohltuende Umarmungen zum Abschied. Montag Abend gab es nochmal ein Dorf-Essen: wir haben einen Topf mit Seafood-Pasta à la Opa/Papa Lübeck mitgebracht- Fisch, Garnelen und zur Erweiterung Muscheln. Nach Eröffnung des Buffets gab es eine 20minütige Stille. Schmatzen. „Beautiful“. Es schmeckte.

Es waren tolle Wochen, eine schöne Quarantäne. Wir hatten Glück mit unserer Bubbel. Der Taxifahrer, auf dem Weg zurück von den Camper-Rückgabe, war der Meinung, der Sommer hat sich in den letzten Jahren in Richtung Februar, März, April verschoben. Ja – wir hatten fantastisches Wetter in der Tasman Bay. Haben zwei Wege, ein renoviertes Bad und eine Sonnenliege gegen fünf Freunde, zwei Gemälde und eine Menge toller Eindrücke getauscht.

Wie es ab jetzt weitergeht, fragt der Taxifahrer, der sich Vinylman nennt. In der uber-App steht, der Fahrer sei schwerhörig oder gehörlos. Ich antworte erstmal viel zu laut, bis ich merke, es kann nicht so schlimm sein. Wissen wir auch nicht, antworte ich. Für die nächsten zwei Wochen, also für Level 3, bleiben wir erstmal hier. Und danach wollen wir auf die Nordinsel. Vinylman erzählt von der Möglichkeit, einen Camper zurückzuführen. Die Vermietung bezahlt die Fähre, man hat 5 Tage Zeit und es kostet am Tag nur ein paar Dollar. Ich lache, denke an Claires Reaktion, wenn ich ihr das vorschlagen würde und antworte, erstmal nicht. Wir brauchen jetzt mal Campingurlaub-Urlaub. Aber vielleicht sieht die Welt in zwei Wochen ja wieder anders aus!

Zur Verabschiedung sagt Chris „See ya, when we see ya!“. Recht hat er. Wir kommen wieder, aber nur, wenn wir den einen Platz vorne am Meer bekommen. Dort, wo man die Wellen irgendwann nicht mehr hört, weil sie immer da sind. Dort, wo man das Getrippel der Möwen auf dem Camperdach erkennt. Dort, wo es mit zwei Mäusen und einem toten Pinguin begann und mit den ersten Schritten Maries endete.

Hier in New Brighton hört man das Meer nicht mehr. Es ist 500 Meter die Straße runter, dafür hört man Autos und wird vor Erdbeben gewarnt. Die Möwen sieht man aus dem Fenster, Marie läuft trotzdem. Und lacht.

Beautiful.

4 Flaschen Vodka.

Und es geht in die Verlängerung. Nochmal 5 Tage, bis Montag Mitternacht. Weil Montag Feiertag ist. ANZAC-Day, ein Tag an dem an die verstorbenen neuseeländischen Soldaten gedacht wird, die in der Türkei in Mohnfeldern niedergemetzelt wurden. 100 Jahre später hat die Regierung jedoch Angst, dass die Neuseeländer das lange Wochenende eher für Kurzurlaube nutzen könnten. Wir buchen also alles um, leeren kurzfristig eine Flasche Frust-Wein und reißen uns nochmal zusammen.

Am nächsten Morgen beobachten wir beim Frühstück ebenfalls eine Metzelei – ein Raubvogel fängt einen Artgenossen und genießt sein frühes Mahl in unserem Vorgarten. Falke gegen Eisvogel, Karearea gegen Kotare, 1:0. Die Spatzen sind aufgeregt, Marie schimpft mit.

Vergangenen Sonntag gab es eine Kulturveranstaltung. Vernissage, Gaz hat eingeladen, Kunst im Park. Alle haben gekocht und gebacken, es wird gegrillt. Jane zaubert Focaccia mit Camp-Rosmarin, Kartoffelauflauf und Apfel-Crumbel mit Vanilleeis aus Ihrem Van. Wir sind die Einzigen, die keine Skellerup-Gummistiefel tragen.

Mit vollen Mägen und Musik betrachten wir im Anschluss 9 Bilder. Szenen und Landschaften aus Neuseeland. Beeindruckende Impressionen. Irgendwann im Verlauf kommt der Maler auf uns zu, drückt uns ein Geschenk in die Hand. Eingepackt in Weihnachtspapier mit Schneeflocken. Zur Erinnerung, sagt er. Weil er uns so gern hat. Es folgt Staunen, wir sind sehr berührt. Umarmung will er nicht, Ellenbogen-Check würde reichen. Das Bild zeigt uns am Strand – welch eine Erinnerung, welch ein Geschenk.

Im Verlauf des Abends verhandeln wir mit ihm über ein weiteres Gemälde. Es zeigt den Motueka Inlet, etwa zwei Kilometer den Strand hinauf, dort wo der Motuere in die Bucht mündet. Marschland, Brackwasser. Was er dafür haben will? 4 Flaschen russischen Vodka. Gekauft! Danach singen alle am Lagerfeuer, mit Gitarre begleitet: I wish I was a fisherman, Tumblin‘ on the seas, Far away from dry land, And it’s bitter memories… …”bitter” haben wir nicht mitgesungen….

Dieser Ort ist wie frische Petersilie – verlässlich, bodenständig, ehrlich, familiär. Eine schöne Bühne für einen hässlichen Virus, der alles verändert. Und täglich, manchmal mehr und manchmal weniger, ein Kampf im Geiste ist. Die Unsichtbarkeit fordert Disziplin und Motivation, ist eigentlich einfach zu ertragen, zerreißt, verunsichert, bestätigt, unterstreicht. Bleiben wir optimistisch.

Es waren, sind und werden Tage sein, an die wir uns noch lange erinnern: als Bayern Starkbierfeste zum Gesundheitstest machte, Schweden gemeinschaftlich experimentierte und die USA Wrestling als systemrelevant einstufte und zuerst Bowlingbahnen öffnete. Und Neuseelands Regierung verschiebt offiziell die Entenjagd-Saison und versichert, dass man endlich im Level-3 zum KFC und McDonalds-Drive-in fahren darf. Achja – Jagen nur zu Fuß, nicht aus dem Helikopter.

Und dann ist da eine kleine Dame, die alles vergessen lässt. Plötzlich steht sie (ganz alleine und frei) im Camper und auf dem Rasen, lacht vor Freude über die ersten eigenen Schritte auf der Welt und im Leben. Kichert über Selbstständigkeit, scheisst auf Politik und Experten. Eine gesunde Lebenseinstellung, wenn eine Möwe, Brotkrümel, Weintrauben und Tannenzapfen große Freude und volle Aufmerksamkeit erhalten.

„Und wie macht der Hummer?“

Once. One direction.

Regen. Grauer Himmel. Windstille. Das Meer ist spiegelglatt. Wir hören Musik, Podcasts, lesen Krimi‘s und malen mit Marie. Es ist gemütlich, wenn aus dem kleinen Backofen der Duft des aufgebackenen Ciabatta den gesamten Camper erfüllt. Marie legt Bestzeiten hin, zwei Kiwi‘s zu inhalieren und dabei jegliche Tiergeräusche nachzuahmen. Auf youtube versucht sie Hühner zu streicheln.

Vor ein paar Tagen hat uns Gaz seine Lebensgeschichte erzählt. Er hatte eine Kunstgalerie mit seinen Werken auf der Nordinsel. Aber auch eine Obstplantage. Hat in Hongkong Kiwi-Anbau vermittelt. Er besaß eine Kaffee-Rösterei in Christchurch und hat Möbel restauriert. Als er erzählt, sein Sohn habe irgendwann beschlossen, den “leichten Weg aus dem Leben” zu nehmen, muss er schlucken. Danach ist er jahrelang mit seinem Van rumgefahren und hat die Lust am Malen verloren. Erst Jenny hat ihn wieder ermutigt, seine Pinsel&Farben rauszuholen. So hat wohl jeder seine Geschichte.

Im Camp passiert nicht mehr viel. Alle Aufgaben sind erledigt, Rasen ist gemäht, der Campingplatz blitzt. Unser Weg ist fertig, der Spa-Bereich läuft. Aus einem alten Picknick-Tisch, der in einer Ecke des Camps in sich zusammen fiel, haben wir eine Sonnenliege gebaut. Einen Strand-Thron. Unser Erbe, wenn wir das Camp verlassen. Für Montag ist eine Vernissage angekündigt – Gaz wird seine Bilder ausstellen. Es soll Wein und Oliven geben.

Apropos: die Neuseeländer bereiten sich auf eine Rückstufung vor. Level 3. Dieses Level hat die Premier-Ministerin am Donnerstag erklärt, damit sich alle Gedanken machen können, was es für sie bedeutet. Montag wird verkündet, ob man Level 3 erreicht und Donnerstag ab 00:00 soll es dann so weit sein. Ihre Erklärung war aber ernüchternd. Zum Einen hat sie natürlich nicht erwähnt, was mit Deutschen in Campern passiert (was alle erwartet haben)…zum Anderen ändert sich nicht sehr viel. Baumärkte dürfen wieder öffnen, man darf mit 10 Gästen heiraten oder sich beerdigen lassen. In der Pressekonferenz erklärt sie, man darf wieder surfen und baden, jedoch keine neue Sportart beginnen. Und man darf einmalig in eine Richtung fahren, wenn man im Level 4 nicht dort ist, wo man zuhause ist. Von „Bundesland“ zu „Bundesland“ aber nur in Ausnahmefällen. Puh. Absolute Vorsicht und Strenge bei 15 Neuninfektionen am Tag.

Wir hatten ursprünglich gehofft, auf die Nordinsel zu kommen. Aber wir müssen den Camper zurückgeben, Christchurch ist im Süden, also entgegengesetzt. Ich telefoniere mit offiziellen Hotlines. Fazit: wir dürfen einmalig nach Christchurch fahren, müssen dort eine Airbnb-Unterkunft haben und sofort beziehen. Den Camper abgeben darf nur eine Person von uns. Und wir sollen vorher die Polizei anrufen, damit die eine Akte anlegen können. Jo. Level 3 klingt total toll. Dafür öffnen wieder Forstbetriebe.

In Christchurch haben wir nun eine kleine Wohnung gebucht. Mit Waschmaschine, Heizung und Kaffeemaschine. New Brighton, Marine Parade. Direkt am Strand. Wir ändern also nur die Bucht und den Supermarkt. Hoffentlich. Und die nächtliche Durchschnittstemperatur. Wir müssen nur hinkommen – von bubble zu bubble, von level zu level.

Gibt’s eine Komplettlösung?

Gibt’s nen Endboss?

Antibiose fürs Reh.

Karfreitag gab es Reh. Vom Grill am Strand. Ganz im Sinne der katholischen Kirche – mit einem Chardonnay vom Kina Beach Weingut. Als ich zu Guzza sage, wir grillen heute „deer“, stutzt er, lacht anschließend. Prustend antwortet er: Venison. It is ‚deer‘ when you hunt it, venison when you eat it. But I like it – enjoy your deer!

Wir genießen die ruhigen Tage – im Kreis der Familie. Entspannen, genießen die Stille. Die Welt ist so schnell geworden. Es tut allen mal gut, dass über die Feiertage die Geschäfte zu sind. Der Verkehr auf den Straßen ist über Ostern weniger geworden, endlich kann man Zeit mit seinen Liebsten verbringen. Einfach mal zuhause bleiben. Nichts tun. Feiertage tun einfach gut – Dienstag geht es wieder los. Der Hussel.

Oder halt auch nicht. Die Lösung hat Trump ja scheinbar gefunden – es braucht nur ein richtig gutes Antibiotikum. Der Typ ist ein Genie. Die USA zeigt ihr wahres Gesicht – the american dream. Ohne Sozialsystem einfach gegen die Wand!

Ganz anders Neuseeland: sehr streng, klar und geradlinig, kein Raum zur Interpretation. Wer nicht folgt, wird bestraft. Jeden Tag um 13:00 Pressekonferenz im TV, es gibt einen Stundenplan, was man von der Regierung für die kommende Woche erwarten kann. Die Opposition macht konstruktive Vorschläge, kaum einer beschwert sich. Die Einstellung der Menschen: wir ziehen das jetzt knallhart durch und dann gehen wir an den Strand.

Ostersonntag: Morgens suchen wir digital Ostereier im Garten der (Groß)Eltern zu Lübeck. Über Videochat und Jenny‘s WLan. Freuen uns über Vergiss-mein-nicht-Ostereier. Danach kriegen wir frische Cookies von Jane und verteilen selbst goldene Lindt-Schokohasen am Morgen. Vor dem Sturm. Der kündigt sich mit viel Regen an, wir ziehen uns in eine ruhigere Ecke zurück. Genießen die fesselnde Gemütlichkeit, liegen kreuz-und-quer den ganzen Tag im Bett. Nachts wird unser Zuhause ordentlich durchgeschüttelt, am Ostermontag scheint wieder die Sonne. Nur das Treibholz liegt an neuer Stelle, zeigt das Kräftemessen der nächtlichen Wellen. Regenbogen.

Wir sind gespannt, wie es weitergeht. Versuchen die kommenden Wochen zu planen und eine Tendenz wahrzusagen. Schreiben sehr nett und motivierend mit einer Airbnb-Gastgeberin in Christchurch, die uns bei Level-3-Ankündigung gerne willkommen heißt. Kriegen Nachrichten aus Deutschland, die uns empfehlen, unsere Reise so lange wie möglich fortzuführen – so lange Gauland öffentlich seinen zerstörerischen Senf dazugeben darf, ist es eine Überlegung wert! Marie wäre sicher dafür. Aus Kleinkind-Sicht ist der CamperVan sicher wie eine große Höhle. Gefüllt mit Pflaumen und Oliven.

Henry Kissinger schreibt mit 96 einen Brandbrief. Nennt ‚Vertrauen‘ in eine funktionierende, effektive und weitsichtige Regierung sei entscheidend. Good governance. Wenn die Zukunft also vielleicht bedeutet, ein bisschen mehr Modell Neuseeland, sehr viel weniger Modell USA, Reh vom Grill und Sonne nach Stürmen…dann bleibt zumindest Ostern was es mal war: ein Fest der Hoffnung. Amen.

Frohe Ostern. C+P+m

COVID-19 L4 breach report.

Der Vollmond beleuchtet die Wellen taghell. Die Spiegelungen auf den Wellenkämmen sind beeindruckend. Über uns ist ein Sternenhimmel angebracht, der viele Entdeckungen möglich macht. Zum Beispiel Elon Musks SpaceX Starlink Satelliten Abfolge: 15 Stück, gleicher Abstand, 28.000 Stundenkilometer. Um das Internet schneller zu machen. Spätestens zu Pandemie-Zeiten fragt man sich, ob das wirklich notwendig ist.

Wir sitzen mit unserem Dorf gemeinsam am Lagerfeuer. Trinken einen 2016er Sauvignon Blanc, vom Kina Beach Vineyard. Betrieben von einem Schweiz-Deutschen-Paar, denen wir vor ein paar Tagen eine email geschrieben haben. Mit Sicherheits-Abstand wurde uns der Wein zum Camp-Eingang getragen – Äpfel gab es als Geschenk dazu. Der Wein schmeckt fantastisch, die Stimmung ist ausgelassen. Marie hat plötzlich 5 Großeltern-Figuren mehr, verschlingt Oliven und genießt den absoluten Mittelpunkt – die Katze jagt im Unterholz.

Die letzten Tage haben an Geschwindigkeit verloren. Dafür hat der Tidenhub zugenommen. Die Flut ist keine 10 Meter mehr von unserem „Wohnzimmer“ entfernt, die Ebbe macht es möglich, auf Sandbänken weit hinaus zu wandern – und frische Miesmuscheln zu ernten. Teilweise handtellergroß. Mit Petersilie und Weißwein: ein Genuss.

Aber es ist nicht nur Robinson-Crusoe-Urlaubs-Aussteiger-Feeling. Es ist eine Berg-und-Tal-Fahrt. Gute und weniger-gute Tage. Zuversichtliche Gedanken und Visionen wechseln sich mit dunklen Voraussagen und Mutlosigkeit ab. Die Fremdbestimmtheit nervt. Wir wissen nicht, wie lange wir noch auf Reisen sein werden, wissen nicht, wie wir planen sollen und können. Schüsse ins Blaue. WhatsApp’s aus Deutschland, die unseren Weg bestätigen und gut-heissen. WhatsApp’s, die verunsichern und grübeln lassen. Vorsichtiges Vortasten bei der möglichen nächsten Airbnb-Adresse wird durch neuseeländische Angst erstickt. Die Neuseeländer sind unglaublich streng (mit sich), ziehen einen lock-down im Wuhan-Style durch. Angler in Booten werden von der Polizei gejagt, dem Gesundheitsminister, der 20km per Auto und Familie zum Strand gefahren ist, droht die Entlassung. Es gibt eine Homepage der Polizei, wo öffentlich denunziert werden kann, wer die Regeln bricht. Nach 24 Stunden brach diese zusammen. Insgesamt 4 Wochen, kein wenn oder aber. Dafür aber ein Land auf dem Pfad der Elimination, R0 fast 1. Mehr „geheilt“ als „neu infiziert“.

Heilende Wirkung hat auch die Badewanne. Vor zwei Tagen konnten wir den neuen Spa-Bereich eröffnen. Macht man nun ein Feuer unter voller Badewanne, trinkt dann eine Stunde Champagner am Strand, so kann man anschließend warm Baden – mit Blick auf die tasmanische Bucht oder wahlweise den Sternenhimmel. Champagner gab es nie, wird es auch nicht geben – dafür das vergnügte Lachen der Tochter, weil Duschen im Wohnmobil, aus Sicht einer 1jährigen, unmenschlich ist. Wasser marsch, Feuer frei!

Life-Hack’s, Entbehrung, Anpassung:

Wenn man vorsichtig duscht, muss man danach den Wassertank nur einmal mit der 10-Liter-Gießkanne auffüllen. Mit 3 Eimern, kalt/warm/kalt, kann man ein Waschmaschinen-Program simulieren: vorwaschen, waschen, spülen. Und es ist beeindruckend, wie dunkelgrau das Wasser danach ist.

Schließt man am Nachmittag eines sonnigen Tags alle Fenster und Türen, schafft man es, dass es noch am Abend, schön warm im Camper ist. Eine Stunde Motor an, bedeutet locker einen Tag länger ohne externen Strom, wenn man nur die Handys lädt und den Kühlschrank betreibt. Bedeutet aber: toasten in der Pfanne und Warm-Wasser vom Herd. Abwaschen ausschliesslich mit der Hand, nur draußen in der Wanne – dann entsteht kein Grauwasser, was geleert werden muss. Internetseiten brauchen ca. 3 Minuten, bis sie sichtbar sind – ein Strich Empfang, 3G. Video-Telefonate zeigen unvorteilhafte Standbilder. Anrufe beginnen meist mit Hallo! Hallo? Halloo? Hallo!

Man gewöhnt sich dran, die Sehnsucht nach „Normalität“ wächst dennoch. Marie findet „das Alles“ weiterhin stark, solange sie frische Pflaumen und Croissants bekommt.

Letztes Jahr Ostern war Bayern und VW-Bus-Umbau angesagt, dieses Jahr also Kina Beach.

Ostersonntag soll es einen Sturm geben, Jacinda Ardern, die neuseeländische Merkel, beruhigt: der Osterhase und die Zahnfee sind systemrelevant!

Homomutatus.

Meermenschen. Nur „auf dem Wasser“ wäre noch eine Steigerung. Aber „am Wasser“, am Meer ist schon ganz richtig. Wir kriegen ein Gefühl für die Gezeiten, gewöhnen uns an die Temperaturen, den Wind, die Sonne. Kennen die Möwen-Familie, die am Strand vor uns wohnt und wissen, welche Vögel welche Laute machen. Tui, Pukeko, Fan-Tail. Bemerken den Himmel – ohne Kondensstreifen durch Flugzeuge. Danach hat Chris McCandless monatelang gesucht.

Wir lernen, wie wir möglichst wenig Strom im Camper verbrauchen, waschen Geschirr und Klamotten per Hand. Haben einen Rhythmus, wann wir, wie und wo die Flüssigkeiten entleeren. Einmal in der Woche gehen wir einkaufen. Zu unserem Inventar gehört jetzt eine Feuertonne, auf der man grillen kann und eine Hängematte. Die Menge an Sand unter Marie‘s Fingernägeln wird ein guter Indikator, wie der Tag war. Schwarz bedeutet pures Glück.

Wir müssen uns an diesen Zustand gewöhnen. Und uns, jeden Tag, an unsere Fortuna erinnern – gerade wenn man an die anderen Touristen denkt, die in teuren Motels Tütensuppe essen müssen, weil Restaurants geschlossen haben. In Neuseeland warten alleine 10.000 Deutsche, um von Frau Merkel abgeholt zu werden. Dann kommt der Heiko irgendwann und fliegt 30 Stunden in den maximalen Stillstand. Puh.

Am Ende muss man einfach aushalten, mitmachen und sich anpassen. Change-Management. Und so lange es all die verschiedenen Wege und Meinungen und Aussagen gibt, wie man, wo wann mit wem was macht und darf und soll und muss – so lange weiß eigentlich keiner genau, wie es wirklich geht. Der Umgang mit dieser Pandemie ist ein Experiment!

Dann doch lieber einen Bubbel-Beach. Wir gehen regelmäßig joggen oder stundenlang spazieren – abwechselnd nach links oder rechts, Motueka oder Mapua. Finden die schönen, geheimen Ecken des Reserves in dem wir leben – Jenny meint, es sei so, als würde man in einem Park wohnen.

Am nächsten Tag hat Chris Geburtstag. Am Abend wird gegrillt, der physische Abstand zueinander wird eingehalten. Wir sitzen im Garten hinter Jenny’s Truck. Es gibt Kartoffelauflauf aus dem Camper-Ofen, Pfannkuchen mit Muscheln von der Haus-Sandbank und selbstgemachtes Feigen-Eis. Die Liebe zum Alkohol wird von jedem einzelnen zelebriert, teilweise sind es Problem-Beziehungen. Marie spielt mit Max Socks, Chris spricht französisch und sagt, er mag diese Bubbel sehr. Als wir Marie ins Bett bringen, fangen die Alten an Petanque zu spielen. Mit Stirnlampen. Happy Quarantine.

Woche 1 von 4. Die Sonne und die Menschen machen es uns leicht. Wir sind uns bewusst, dass es sicher auch andere Tage geben wird. Tage, an dem wir keine Lust mehr haben, keine Geduld, zweifeln. Aber die gibt es auch ohne Corona. Es ist ein ewiges Spiel – kann man raus, geht man nicht. Darf man nicht, will man unbedingt.

Marie macht die Katze nach. Für heute Abend haben wir eine Chili-con-carne gemacht – für unser ganzes Dorf. Kina Beach Reserve – Strand der Seeigel.

Passt schon.

Erdnussbutter.

04:18. Wir sind wach. Besprechen Pläne, werden hektisch. Was sollen wir tun? Mein Herz rast. Völlige Überforderung.

Wir haben die ersten Tage der Isolations-Maßnahmen überstanden. Hat nicht weh getan. Mittwoch Abend gab es einen, bis dahin nie gehörten, Alarmton auf jedem Handy, Push-Nachricht. Die neuseeländische Regierung. Alarmstufe 4, jeder bleibt auf seinem Platz. 4 Wochen Ausgangs-Sperre, keiner darf mehr weg. Auf Englisch klingt es wahnsinnig, Hollywood.

Auf Nachfrage und Wunsch haben wir von Jenny, der Caretakerin, Aufgaben bekommen. Einen Weg aus Steinen anlegen und das Aussenbad samt Badewanne am Strand renovieren. Kurze Zeit später sammeln wir kleine weiße Steine. Ein wenig grotesk – wir sammeln Steine, hängen den ganzen Tag am Strand ab und gleichzeitig geht die Welt unter. Vielleicht. Möwen schreien.

Es bleibt eine spezielle Zeit. Wir hören weiter Podcast‘s, lesen gute Zeitungsartikel, kriegen verstörende .pdf‘s, versuchen informiert zu bleiben. Hilft das, macht es das besser? Lieber nicht informieren und den Ort genießen? Es ist ein ständiger Konflikt, ein wiederkehrendes Abwägen. Rückflug organisieren? Als Arzt arbeiten? Gesund bleiben und für die Familie da sein, ethisch-moralisch richtig? In eine lang-andauernde Situation kommen, in der man nicht mehr einfach so nach Hause kommt? Aber zuhause ohne Wohnung. Schwierig.

Mit der Zeit und den Sonnenstrahlen wird es einfacher, klarer. Die erste Unsicherheit schwindet. Level 4 entscheidet mit – wir haben eh keine Wahl. Schicksal‘s Schlag: Kina Beach Reserve. Marie’s Corona-Gleichgültigkeit ist eine gute Lehrmeisterin…wahrscheinlich. Wir werden, alle, einen Weg finden (müssen), mit Corinna umzugehen. Die Camper-Vermietung hat es scheinbar auch getan – wir bezahlen ab jetzt einen täglichen, sehr anständigen Preis.

Die erste Unsicherheit der Campingplatz-Nachbarn uns gegenüber, die untereinander recht eingeschworen sind, weicht ebenfalls. Gestern gab es ein erstes gemeinsames Lagerfeuer. Zwei Meter Sicherheits-Abstand zwischen den Stühlen, aber man teilt selbstgemachtes Chutney, Kekse und Käse. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Die Katze Max Socks und Marie teilen sich die Bühne der Aufmerksamkeit. Die Zuschauer: schräge Vögel und wir.

Jenny, die Caretakerin, angestellt bei der Gemeinde, wohnt das ganze Jahr auf dem Platz in einem großen, selbstgebauten, dunkelgrünen Wohnwagen. Der Gemüsegarten dahinter ist ein Sammelsurium aus Krimskrams, Schrott und Kunstwerken aus Strandgut, Muscheln und Holz.

Am Eingang des Camps lebt Chris. Ein recht junger Kerl, der eine ähnliche Gesichtsfarbe wie sein Wohnmobil hat – irgendwas zwischen grau und weiß. Jenny sagt, er hat ein Herz-Problem. Der Konsum von bewusstseins-erweiternden Stoffen könnte auch ein Grund sein. Einen lustigen Humor hat er allemal.

Dann gibt es Marc, Bruce-Willis-Typ. Schiebermütze bei Wind, große hellblaue Jeans bis zum Bauchnabel. Brachte zum Lagerfeuer Kartoffeln in Joghurtsosse mit, die keiner so richtig probieren wollte. Auch weil er sagte, er habe sie mit Tabasco aufgepeppt.

Direkt neben Marc wohnt Guzza, der Maler. Zunächst dachten wir, er sei wie der typisch bayerische Grantler, ist er eigentlich wunderbar herzlich. Er wurde mit seiner Malerei zum National-Award nominiert und liebt teuren russischen Wodka.

Unsere direkte Nachbarin ist Jane. Power-Frau. Arbeitet im Abel-Tasman-Nationalpark, der aber zur Zeit geschlossen hat. Also wartet sie hier, wohnt in Ihrem Wohnwagen. Der hat einen großen Hexen-Besen auf der Seite. Jane rödelt die ganze Zeit, wäscht, kocht, fährt mit dem Schubkarren durch „unser Dorf“ und baut eine Dusche in den Apfelbaum.

Allen gemeinsam: Neuseeländer, herzlich, schwarze Gummistiefel. Interessiert an uns und unserem Schicksal, gastfreundlich mit Rat und Tat an unserer Seite. Die nächste Airbnb-Unterkunft, die wir geplant aber absagen mussten, schreibt, sie wären und bleiben gerne unser Plan B, wenn sich unsere Situation ändert. Seini aus Auckland schreibt, wenn wir Probleme haben, in Christchurch sitzt Ihre Vorgesetzte, Kinderärztin, die uns jederzeit helfen kann. Unser Auffangnetz downunder wird dichter. Fühlt sich gut an.

04:18. Wir haben eine Maus im Camper. Wir sind uns seit 2 Tagen Ihrer Existenz bewusst, wie lange sie uns schon kennt ist fraglich – wahrscheinlich länger. Zunächst waren wir noch tierlieb und sehr pazifistisch eingestellt – wollten Maus Maus sein lassen. Aber irgendwann nachts wachte Claire auf, hörte ihr hektisches Getrippel auf dem Weg zu Maries Resten vom Croissant. Möglicherweise gab es auch geheime Absprachen zwischen Kind und Nagetier, das würde zumindest Maries großflächiges Essverhalten erklären.

Zurück zum Getrippel: Wenn man es einmal hört, hört man es die ganze Zeit. Es zehrt an den Nerven. Die Gleichgültigkeit und die Bereitschaft zum Teilen verschwindet minütlich. Aus Friede wird Krieg.

Wenig später stand ich, mit einem kleinen Topf bewaffnet, halbnackt, im Camper. Mit einem Topf! Was für eine bescheuerte Idee! Wie in alten Filmen. Es gab kurze Jagdszenen, Herr oder Frau Maus kannte sich jedoch gut aus, konnte immer wieder abtauchen. Human vs. Maus: 0:1

Wir brauchen also Fallen. Wir sind in einer Notlage und können keinen Vierten durchfüttern. Außerdem gehört ein Nagetier leider nicht zu den endemischen Tieren der Insel, wir tun also etwas für Flora&Fauna. Guzz sagt – Falle mit Erdnussbutter bestücken. Mäuse lieben Erdnussbutter.

Die Jagd beginnt. Quarantäne-Tag 4.

Nachtrag: Kantersieg für uns! Camperlife!

Tasman.

Da lässt man Euch einmal alleine, will in Ruhe reisen…und dann macht Ihr so einen Quatsch! Und Deutschland schön oben dabei – EM ist abgesagt, es geht nicht um Platz 1! Wehe, ihr haltet die 0,4% nicht…

Aus einer Weltreise wird also scheinbar eine Halb-Weltreise. Wir waren auf Alles vorbereitet: Durchfall, Malaria, Dengue, Verstopfung, Stromausfall. Pandemie hatten wir nicht auf dem Schirm.

Seit unserem letzten Tagebuch-Eintrag hat sich unsere Lage auch verändert. Neuseeland kriegt Fieber. Es gab eine dramatische Ansprache der Prime-Ministerin – Alert Stufe 3, in 24 Stunden Alert Stufe 4. Mittwoch Nacht. Bei Alarmstufe muss ich immer an Command&Conquer denken. Stufe 4 bedeutet Ausgangssperre. Gleiches Spiel wie Ihr und Frankreich und der Rest. Mehl und Toilettenpapier ausverkauft, Nudeln, Babymilch alles weg. Weltweit reagiert der Mensch ähnlich bescheuert. Oder alle Anderen wissen einfach nicht, wie toll die Gerichte mit Mehl und Nudeln schmecken.

Anyway. Die letzten Tage waren regnerisch. Es gab Pizza mit kleinen Fischen und jede Menge Treibholz am Strand. Wir hatten Stunden am Meer, die so stürmisch waren, dass der Camper wie ein Boot gewackelt hat. Der Regen war ein von horizontal kommender Lärm. Gemütlich.

Wir sind wunderschöne Straßen gefahren, vorbei an türkis-farbenen Flüssen, schroffe Steilküste, Robbenkolonien. Und irgendwann kamen Nachrichten von meiner Gastschwester, dass es ungemütlich werden könnte. Später wurde aus könnte – wird. Wenn man anderen Campern begegnete, sah man viele fragende, besorgte Blicke. Konzentrierte Handy-Telefonate. Die deutsche Botschaft in Wellington schrieb: Bitte rufen Sie nicht an, kümmern Sie sich um sich selbst. Vielen Dank!

Durch einen wirklich glücklichen Zufall landeten wir auf einem privaten Campingplatz. Kina Beach Campsite. Wie im Film wurden wir zunächst, mit Sicherheitsabstand, durch Jenny, die Campground-Caretakerin, interviewt. In einem Apokalypse-Film oder in 4 Wochen, hätte das Gespräch durch ein selbstgebautes Holztor mit vorgehaltenem Gewehr stattgefunden. Letztendlich waren wir die Letzten, die am Meer parken durften. Gerne auch für Wochen.

Wir sind jetzt zu fünft. Es hängen Muscheln im Baum, es gibt eine Bibliothek, Frischwasser, saubere Plumps-Klos. Die heißen hier Longdrop-Toilets.

Wir gucken auf die Tasman Bay, sehen die Stadt Nelson, hören die Wellen 24/7. Können joggen gehen am Strand, Supermarkt 15 Minuten mit der Karre entfernt. Kommunen-Feeling. Über Dreadlocks in 4 Wochen darf sich also keiner wundern…

Was die Stimmung trübt, uns beschäftigt und die Lage nicht ganz so rosig macht – die Camper-Vermietung. Die riechen natürlich den Braten. Gestrandete Wale, wehrlose Touristen. Weil wir, halbwegs, ehrliche und anständige Leute sind/waren, erfragten wir, was eine Verlängerung kostet. Um es kurz zu fassen: die Angebote waren eine bodenlose Frechheit (2500€ pro Woche). Unsere Antworten gepfeffert. Des Lieds Ende: keine Einigung. Schlachtplan der Mürfels – wir warten auf Stufe 4, Mittwoch Nacht. Dann dürfen wir hier nicht mehr so einfach weg und bieten dem Unternehmen an, wir könnten Ihnen den Schlüssel am 31.03 per Post zuschicken, den Ort des Autos markieren wir auf der Schatzkarte. Können sie sich holen. Bis 31.03 brave Mieter, danach werden wir also vielleicht Besetzer. Kommunen-Feeling wie gesagt. Die Rote Flora von Tasman.

In der Zwischenzeit kann man sicher traurige Interviews mit heißen Lokalreportern führen. Wir haben ja Zeit. Gefangen im Paradies, das Wohnzimmer rollt nicht mehr. Nebenbei trägt man sich auf eine Liste des Auswärtigen Amts ein – Deutsche in Krisengebieten. Wägt ab, ob man sich auch in die Liste der Rückholung einträgt…erstmal nicht! Trotzdem alles eine Erfahrung.

Das Auto ist voll mit Mehl, Nudeln und Desinfektionsmittel. Wir haben 6 Familienpackungen 5-lagiges Klopapier. Nicht. Aber viel Wein und Käse. Könnte schlechter sein. Wenn man sich überlegt, wie herausfordernd und belastend man diese weltweite Situation empfindet, und dann aber an Menschen in Syrien oder an Oma&Opa vor 80 Jahren denkt…alles auszuhalten. Es fallen keine Bomben, keiner schießt, man soll einfach nur daheim bleiben und Serien gucken. Im Herbst werden wir zurückblicken und vielleicht Gutes entdecken. Wer weiß!

Wir begraben jetzt mal den toten Pinguin vor der Tür und zeigen Marie, dass man in den Schnecken das Meer hört. Eigentlich Quatsch – ist ja nur 15 Meter entfernt.

Fröhliche Quarantäne. Be kind.

Highway 6.

„So lange sie Bier brauen – kein Problem“ sagt der Surf-Laden-Besitzer zu einem Kunden, als es um Corona ging. Beide lachen. Heute hat Neuseeland die Grenzen geschlossen. Weil sich asiatische Touristen nicht an die Selbst-Isolation gehalten haben, darf jetzt keiner mehr rein. 28 Virus-Fälle. In ein paar Wochen also, könnten wir die letzten Touristen in Neuseeland sein.

Wir reisen für Euch!

Am Montag waren wir in Queenstown. Freizeit-Stadt – jeder Laden bietet Halligalli an: Jetboat, Heli-Skiing, Bungee-Jump. Der Bungee-Quatsch wurde hier erfunden. Wie in vielen anderen Städten Neuseelands, lohnt sich nur der Besuch einiger Geschäfte, wirkliche Architektur oder italienischer Dorfplatz-Flair kann lange gesucht werden. Aber Queenstown hat den Ferg-Burger. Und dieser Burger zog uns die Schuhe aus. Wahnsinnig lecker!

Es ist ein eigenartiges Reisen seit ein paar Tagen. Wir wollen uns nicht beklagen. Aber: man fährt durch schönste Landschaften, fährt von atemberaubender Kulisse zur nächsten, das Leben und der Alltag der Neuseeländer ist nahezu wie eh und je – und zuhause geht die Welt unter. Europa steht still. Uns bleiben die Berichte und Erzählungen von Podcasts, Familie und Freunden – und es entsteht eine eigenartige Mischung aus Sorge, Zuversicht, Verwunderung. Touristen, denen wir begegnen, sind beunruhigt, weil sie nach Hause müssen oder sollen. Und wir? Wir haben die Verlängerung des Visums beantragt. Warten. Aber auf was?

Nächster Halt: Central Otago. Weinregion. Toskana-Südtirol-Mix. Stehen auf einem wunderschönen Platz am Lake Dunstan. Am Nachmittag wandern wir den 4-Barrels Trail: von Weingut zu Weingut. Als wir zurück am Camper sind, springen wir in den See und sind 3 Flaschen Wein reicher.

Am nächsten Morgen führt uns der Weg nach Wanaka. 2 Tage echter Campingplatz, Wäsche waschen, große heiße Dusche, Toaster, Wasserkocher. Tut alles gut. Nachbarn lachen mit Weingläsern in der Hand. Und Frau Merkel wird ernst. Völliger Zwiespalt!

06:45 klingelt der Wecker. Draußen ist es noch dunkel, als wir uns einen Kaffee machen. Marie findet es großartig, dass der Tag so früh beginnt und findet sich, recht schnell, in der Kraxe wieder. Roys Peak. 6 Stunden soll die gesamte Wanderung dauern, 1500 Höhenmeter. Brutal anstrengend. Brutal schön.

Muskelkater zum Frühstück. Weil die Wetterprognose schlechter wird und die Kilometer, um „rum“ zu kommen, gefahren werden wollen, die Westküste mit der tasmanischen See sehr rau und windig sein wird und der Norden nochmal sehenswerter sein soll – fahren wir los. 380 Kilometer Highway 6. Wunderbar malerisch. Mancher Kilometer zehrt an Maries Nerven, aber es gelingt gut. Mittagspause am Ship Creek, die Gletscher Fox und Franz Josef versinken im Nebel.

Am Abend erreichen wir Kakapotahi. Unwirklicher Ort, wir parken direkt neben einer Kuhweide. Am Strand: kein Mensch. Die tansamische See: aufgebracht. Meterhoch, von baumdick bis spindeldürr, tonnenweise: Treibholz. Marie ist verzückt. Claire sagt: was für ein unwirklicher Ort. Als seien wir die letzen Menschen. Apokalypse-Feeling pur.

Bleibt alle mal schön zuhause. Wer danach noch ein Burn-Out hat, bei dem liegt es an was anderem!

Gesundheit.

Refugere.

Corona. Pandemie. Ausnahmezustand. Hamsterkäufe. Quarantäne. Infektion. Beatmung. Tote.

Meer. Berge. See. Camping-Van. Rosé-Wein. Pinguine. Strand. Südsee.

Wie gehen wir mit all dem um? Wie geht es für uns weiter? Gibt es Konsequenzen oder Informationen, die alles verändern oder entscheiden? Schreiben wir den Blog weiter, als gäbe es all die Nachrichten aus Europa nicht und führen unseren „Urlaub“, der auch ohne Corona schon, für manch Daheim-gebliebene, eine Provokation war oder ist, einfach so, digital, fort?

Der Anästhesist in uns sagt, auch unter Beatmung, mit der richtigen Sedierung, kann man eine Internetseite lesen. Zumindest gibt es so bescheuerte Werbeanzeigen in Fachzeitschriften. Dann wäre Einem mit unseren Beiträgen zumindest nicht langweilig. Die Wahrheit liegt wohl eher im Alltäglichen: Unterhaltung. Und wer es nicht erträgt oder zu grotesk empfindet, kann ja in ein paar Wochen wieder einschalten, wenn es wieder heißt:

Wir sitzen in Kingston am Lake Wakatipu. Glasklares Wasser, keine 10 Meter von der Autotür. Wir hatten mit vorhergesagtem Regen gerechnet, die Sonne war jedoch am Nachmittag so heiss, dass wir Baden gegangen sind. Danach erfrischender Rosé. Das Gewässer erinnert ein wenig an den Garda-See – ohne Menschen, Malcesine, Boote und Brenner. Um uns herum parken mehr als 30 Wohn-Mobile aller Art – rollende Wohnzimmer und Backpacker-Style mit Matratze im Kofferraum.

Am Morgen haben wir das Meer verlassen, die Nacht in Riverton verbracht. Ein kleiner, familiärer Camping-Platz über einer lang-gezogenen Bucht. Die Wanderung am Abend tat allen Beteiligten gut, machte müde zur Nacht. Das nah-gelegene Invercargill, die südlichste Stadt des Landes, war so langweilig, dass jedes Alkoholproblem der Einwohner nachvollziehbar erschien.

Die Autofahrten vertrieben wir uns mit dem Hören von Drosten‘s-NDR-Podcast. Drosten ist der Infektiologe aus der Charité, bringt die Dinge und das Wissen auf den Punkt und relativiert Vieles. Pandemie-Definition vor Südinsel-Kulisse. In der Nacht hat die neuseeländische Regierung beschlossen, dass alle neuankommenden Touristen 2 Wochen in Quarantäne müssen – der Flug meiner Schwester wurde annulliert. Spannend, traurig, erschreckend zugleich.

Die Tage zuvor verbrachten wir an der Catlins Coast, Curio Bay. Haben vergeblich Pinguine gesucht und Wasserfälle erklummen. Versucht, Hector-Delphine unter Wasser zu fotografieren – die Ergebnisse auf der Kamera hatten eher die Message: Nice Try! Die fossilen Baumreste danach waren genuröser, der südlichste Punkt der Insel wunderschön dezent. Weil wir ja im Urlaub sind, haben wir uns Eggs Benedict mit Räucherlachs und Cappuccino gegönnt. Neuseeland war also gut zu uns…vielleicht gewährt man uns ja sogar Asyl.

Gedanklich richten wir uns ein, länger zu bleiben. Hoffen, unser Visum recht einfach verlängern zu können. Warten ab. Als ich zuletzt in Neuseeland war, gab es auch eine weltumfassende Unruhe: 11. September. Scheinbar ist Neuseeland mein Refugium. Es gibt wahrlich schlechtere Orte, um die Nachrichten oder den Virus zu „erleben“, als jenen Ort, an dem Fotos wie Bildschirm-Schoner aussehen. Isolation im Camper-Van. Näher am Südpol als am Äquator.

Dem Van nebenan hilft Marie, laut gestikulierend, aus dem Fenster guckend, mit Zeigefinger erhoben, beim Einparken. 85 cm Diktator. Auf der Van-Seite klebt ein Aufkleber: Life rocks when your living room rolls.

Husten.

Der Süden wird rau. Ein bisschen verwegen und wild. Graue Wolken, Regenschauer, Wind. Das Meer trägt 3-Tage-Bart und knurrt mit ordentlichen Wellen. Die hört man durch das geschlossene Fenster. Am Strand erholen sich Seelöwen, rollen sich im Sand, sobald die Sonne hervorblitzt. Unser Ziel ist die Catlin Coast.

Wir segeln entspannt auf dem Highway Richtung Dunedin. Wenn Marie nicht schläft, verteilt sie großflächig Reispuffer. Mein Revier. Sie testet unsere Reaktion, in dem sie barbarisch brüllt. Drehen wir uns um, grinst sie uns an. Wo sind die Grenzen?

Pazifik-Brise zum Mittagessen gewinnt, Rebellion beendet. Wir erreichen Port Chalmers am Nachmittag, Careys Bay. Vor uns liegen Fischerboote, die die Bucht nachts verlassen. Wir belohnen uns mit einem Abendessen im Historischen Hotel. Roher Fisch in Kokos-Milch und Seafood-Platter. Muscheln in allen Formen, teilweise zu groß für unseren Geschmack. Marie schimpft und unterhält ihre Eltern, in dem sie Dinge auf den Boden wirft. Manchmal entsteht ein leiser Zwiespalt, wie schön so mancher Moment wäre, wenn wir nur zu zweit wären…Eltern-Sein mal ehrlich.

Wir frühstücken gemütlich, beobachten einen Tintenfisch im Hafenbecken. Gleichzeitig erreicht ein großes Kreuzfahrtschiff den Hafen, die Sonne zeichnet ein glanzvolles Spiegelbild der Umgebung im Wasser. Wir finden die langgezogene Bucht von Dunedin so schön, dass wir eine zweite Nacht „buchen“. Machen einen Tages-Auflug an den Tunnel-Beach, später fragen wir den Platz-Nachbarn für die kommende Nacht in Aramoana, ob wir hier parken können. Seine Antwort: Good as Gold.

Seelöwen in den Dünen, Nebelbank beim Abend-Spaziergang. Bei einer Flasche Wein sprechen wir über das Buch, was ich zur Zeit lese. „Wir sind das Klima“ von Jonathan Safran Foer. Hat Herr Rossmann von rossmann 2000fach gekauft und jedem deutschen Politiker geschickt, weil es ihn so beeindruckt hat. Inhalt: Wie unsere Ernährung und landwirtschaftliche Tierhaltung das Klima beeinträchtigt. Eier, Milch, Fleisch. Wie weit verzichten wir, um später nicht sagen zu müssen – wussten wir, haben wir nicht gemacht, weil das Spiegelei oder das Steak einfach zu geil geschmeckt hat! Am nächsten Tag im Supermarkt frage ich mich, warum wir die Einzigen sein sollen, die verzichten…fängt ja gut an!

Dunedin im Regen ist ernüchternd. Wir füllen und entleeren alle Tanks, die das Auto hat, lassen Stoßstangen heil und haben das Meer als Ziel. Schotterstraße. Purakaunui Bay. Die Steilküste hat ein bisschen Platz für einen wunderbaren Strand abgegeben. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man Strandsand aus dem Auto fegen kann.

Am Abend teilen wir uns auf – Claire bringt das Kind ins Bett, ich koche. Als Marie fast eingeschlafen ist, rutscht mir das burmesische Chili in der Pfanne etwas aus. Es dauert nicht lange – erst huste ich, dann husten alle. Marie lacht und ist wieder wach. Der Räucherlachs ist eine Offenbarung.

Den kommenden Tag verbleiben wir hier. Beobachten Wellen, Camper, Surfer und Seelöwen. Warten vergebens auf Sonne, bauen Häuser aus Duplo, trinken Tee und essen Schokolade, sind genervt voneinander und lachen gemeinsam, kämpfen mit baum-dickem Seetang und Müdigkeit, gehen spazieren, malen, kochen und schlafen.

Marie fordert gerade Alles ein. Saugt auf, wie ein Schwamm. Ist jeden Morgen größer als zuvor. Testet, geht an die Grenzen. Vollgas. Sie lebt in Extremen, von Müde bis Hellwach. Erzeugt Liebe, Stolz – Gereiztheit und Genervt-Sein. Vollbeschäftigung. Manchmal haben wir das Gefühl, nur noch zu reagieren, als vorzugeben oder zu kontrollieren. Schlafentzug ist berechtigte Folter.

Die anschliessende Nacht ist kalt. Etwas Kälte-steif betätigen wir am Morgen den „Heater“-Hebel. Die Sonne beleuchtet einzelne Ausschnitte am Strand und die Dünung der Wellen. Der Kaffee dampft wohlwollend. Ein Nachbar parkt aus, hupt. Einmal, zweimal, mehrmals. Das ständige Hupen bringt alle zum Lachen. Verräterisch: Anfängerfehler.

Es ist der neuseeländische Schutz vor dem „Fahren mit angezogener Handbremse“.

Marie isst genüsslich eine Blaubeere.

Kitkat.

Geburtstagskuchen. Claire’s Ehrentag beginnt mit Nieselregen und Frühstück im Wohnmobil. Wir beobachten Nachbar-Camper, die durchgefroren aus Zelten klettern. Zwei junge Damen wünschen sich unter der Dusche, nicht wieder hinauszumüssen. Wir machen uns wieder auf den Weg, wollen nach Timaru in den Süden. Vorher muss aber noch “Grauwasser” und Toilette geleert werden, der Entsorgungsort ist auf der anderen Fluss-Seite.

Natürlich gibt es schönere Dinge als Abwasser-Expertise – aber es läuft und die Systeme sind hygienisch beherrschbar. Was scheinbar nicht beherrschbar ist und uns sowohl Nerven, Claires Geburtstag als auch 1,5 Tage kostet: meine Fahrkünste. Fuck. Zu früh eingeschlagen, hält ein Holzpflock den Camper fest. Verbiegt Stossdämpfer, reißt Kabel aus Rück-Lichtern. Nervt brutal. Wir überlegen Konsequenzen, erinnern uns an die all-inclusive-Versicherung. Hotline. Schleife. Bitte Warten, Moment, wir kümmern uns.

In Timaru angekommen schickt man uns zu einer Hinterhof-Werkstatt. Lackierer. Für GTA, dem PlayStation-Spiel, wäre es ein gutes Vorbild: Los Santos Customs, Pay’n’Spray. Die Jungs sind aber überfordert, hauen mit dem Hammer auf die Metall-Stoßstange, geht nicht. Wieder Hotline. Wieder warten, einen Moment. Ich stürze in eine Kurzzeit-Depression. Beste Lösung am Ende: Zurück nach Christchurch, Camper tauschen.

„Heute kann es stürmen, regnen oder schnei’n“ zum Teufel. Happy Birthday – es tut mir leid. Das es immer noch regnet – dafür kann ich nichts.

Nächster Morgen: Sonne, Salami-Toast auf die Hand. Nach 2 Stunden Fahrt wieder zurück in Christchurch, erklärt die Chefin: der Tausch-Camper kommt erst um 16:00 und sei sehr viel älter. Was wir davon halten, dass der Mechaniker “unseren” Van schnell repariert. Super! Nach zwei Stunden ist der Inder fertig, freut sich über das Kitkat, welches wir ihm schenken. Back on the road.

Und dann tauchen wir ein – ins Hinterland der Südinsel. Berge, Wälder, türkis-farbene Seen. Schafe auf der Straße. Tote Possums am Straßenrand. Nächster Halt: Opuha-See. Wir übernachten auf einer Wiese, alleine, vor herrlicher Kulisse.

Die Fahrt führt uns an den Lake Tekapo am nächsten Morgen. Hellblau. Warnschilder auf Chinesisch – Danke Corona für diese Einsamkeit. Auf dem Mount John gibt es im Astro Café wunderbaren Cappuccino. Was für ein Leben. Die Asiatin in der kleinen Maut-Station im Tal ist mit Maske, Gesichts-Schild und Regen-Cape antiviral das Maximum, was wir auf unserer Reise bisher gesehen haben. Bedenkt man, die maximale Isolation, in der sie arbeitet, entweder absolut berechtigt oder das Maximum an Hysterie. Neuseeland Virus-Fälle: 3

Bilderbuch-Straßen führen uns an den Pukaki-See. Wir kaufen lokalen Berg-See-Lachs und beginnen den Abend mit Sashimi und Weißwein. Nach Stellplätzen wie diesem, muss man in Europa lange suchen. Mount Cook am nördlichen Ende des Sees – in allen Farben. Zum Abendessen Lachs-Ceviché auf Toast – meine Schwester schreibt mit ironischem Unterton: typisches Camper-Essen. Stimmt.

Alle schlafen “ganz okay”, erneut frühes Frühstück. Am Vormittag wandern wir den Hooker Valley Track. Über Hängebrücken und Holzpfade, immer den höchsten Berg Neuseelands im Blick. Es ist recht einfach, Peter Jackson zu verstehen, dass Herr der Ringe nur in Neuseeland spielen kann. Marie kämpft mit Wind und Schlaf. Mittagessen im Camper, Bergpapageien im Hintergrund.

Weil Regen angesagt ist, machen wir uns auf – Richtung Meer. Zwischenstation Campingplatz Kurow, am Waitaki-River. Highlanders-Gebiet. Vergleichbar mit der Champions-League, aber eben Rugby und immer die gleichen Teams, früher 12, heute 15. Länderübergreifend, Südhalbkugel.

Pita Alatini, Jeff Wilson und Byron Kelleher. Highlander Spieler vor 18 Jahren, meine damaligen Stars in einem nahezu unschlagbaren Team. Einige Namen brennen sich ins Gedächtnis ein, Landschaften wie diese sicher auch.

Stoßstangen nur vielleicht.

Nutella.

Die Tür steht offen. Viele Neuseeländer lassen die Haustüre tagsüber einfach auf. Man ruft „knock knock“ oder Ähnliches und betritt dann das Haus, den Garten oder wartet. So tun wir es ebenfalls, kurze Zeit später folgen herzliche Umarmungen mit meinen alten Gasteltern. Paul hat Tränen in den Augen, Lita hat Nutella gekauft. So wie damals, Nutella hätte ich scheinbar gerne zum Frühstück gegessen. Fehlende Erinnerungen an jene Zeit werden zu einer wiederkehrenden Situation in den kommenden Tagen: es ist beeindruckend wie wenig haften blieb – im Hirn eines Pubertierenden damals.

Die Möbel aus Mount Maunganui stehen jetzt in neuen Räumen, die gleichen Bilder hängen an anderen Wänden. Sonderbare Vertrautheit, unendliche Gemütlichkeit. Am Abend kommt mein alter Gastbruder William zu Besuch – mit Frau Maea und Tochter Aria, 4. Wir grillen, wie früher. Marie sitzt im Rasen und staunt. Alle lachen viel.

Am nächsten Tag holen uns Paul und Lita ab, zeigen uns Wellington. The Windy City. Hauptstadt. Wir gehen am Hafen spazieren, der Wind bestätigt sich – wir müssen unsere Hüte festhalten. Wellington ist sehr viel pittoresker als gedacht, der Hafen voller Kreativität. Per Auto erkunden wir die Hügel der Stadt – es erinnere Claire sehr an San Francisco, nur unamerikanischer. Am Abend gehen wir Essen – und verlieren uns völlig in einem herrlichen Sorbet zum Dessert.

Der Wecker klingelt früh am Morgen. Mit der Interislander Fähre geht es durch die Cookstrasse. 3 Stunden, von Delphinen begrüsst. Diese scheinen nur auf die Fähre zu warten, stürmen nahezu auf sie zu, um im Bugwasser zu schwimmen. Von herrlicher Sonne begleitet biegen wir in den Queen Charlotte Sound ein. Fjord Landschaft bis Picton. Erneut Delphine, die kleine Motorboote begleiten. Nach einer Mittagspause fahren wir mit dem Coastal Pacific. Eine Panorama-Zugfahrt. 6 Stunden entlang des Ozeans, der keine 50 Meter entfernt ist. Marie unterhält die alten Damen im Abteil, uns die Robben auf den Felsen. Der vorderste Wagon ist offen – zum Fotos machen!

Ein alter Taiwanese beherbergt uns in seinem Hotel für eine Nacht. Wir sind die einzigen Gäste. Salat Garnitur am Frühstücks-Ei. Gespräche über China und Trinkwasser.

Einzug. Montags beziehen wir unseren Camper. Im Vergleich zu all den VW-Bus-Urlauben haben wir plötzlich ein Schlaf-, Kinder- und Wohnzimmer. Backofen und Tiefgefrierfach. Für 4 Wochen werden wir mit dem Einfamilien-Auto, im Uhrzeigersinn, um die Südinsel fahren. Ein Großeinkauf folgt.

Die erste Nacht verbringen wir am Lake Ellesmere. Es gibt kalten Rosé zum Einräumen der Fächer und Schränke. Zum Abendessen beobachten wir Löffelreiher und große Schwärme Tanzmücken. Der Sternenhimmel ist “ganz okay” für den Start.

Auf Grund einer Einjährigen gibt es einen beeindruckenden Sonnenaufgang (zu sehen), danach Frühstück mit Toasts aus der Pfanne. Wir fahren an den Rakaia Fluss und dessen Schlucht, unterhalb des Mount Hutt. Es regnet, später Gewitter! Gemütlichkeit breitet sich genauso schnell aus wie der Duft von Kaffee.

Der Campingplatz-Mann fragt, wieviele wir seien und woher wir kommen. 2 und 1 Baby. Deutschland schreibt er auf, noch ehe es ausgesprochen ist. Claire fragt, woher er dies wüsste. “2 Erwachsene und ein Baby sind immer Deutsche. Elternzeit. How lucky you are!”

Ja. Regenbogen-Knopf.

Mauao.

Mount Maunganui. Fast 20 Jahre. Es fühlt sich immernoch gut an, die Oceanbeach Road entlang zu fahren. Vorbei an Omanu Beach, Surf Live Saving Club. Die Superette, also der Strandkiosk, ist immernoch an der gleichen Stelle. Viele Häuser sind neu, viel zu chique. Die neuen Bewohner sind aus Auckland und kommen nur am Wochenende oder im Urlaub vorbei. Der Ort ist explodiert, die Immobilienpreise auch. Alle wollen hierher – Claire nennt den Ort “Kitzbühel Neuseelands”.

Golf Road runter, Waitui Grove rechts rein. Alter Schulweg. Hier war und ist das College und der dazugehörige Rugbyplatz. Wieviele Stunden ich hier verbracht habe. Eine Art von absurdem Dejávù schleicht sich ein – 16jähriger, voll-pubertierender Austauschschüler, “plötzlich” mit Tochter und Frau. Strange.

Der Strand ist magisch. Gefühlt unendlich lang, am nördlichen Ende der Berg. Die Maori Legende besagt, es war mal ein Berg ohne Namen, der sich von den Waldmenschen im Meer umbringen lassen wollte. Weil die Sonne aufging, ist der Deal nicht aufgegangen und er ist an der Küste hängengeblieben. Kein schönes Märchen. Die Wellen und das Wasser fühlen sich an wie damals.

Wir wohnen bei Gail und Ihrem Mann. Sie versorgen uns mit frischen Pflaumen, Passionsfrüchten und Feigen, bieten uns an, Surfbretter aus der Garage zu nehmen. Abends grillen wir Lamm im Vorgarten. Der Garten Eden.

Die jetzige Unterkunft ist, 18 Jahre später, genau 102 Adressen weiter südlich. Früher Oceanbeach Road 270, jetzt 372, gleiche Strassenseite. Zweite Reihe: Ozean. Die 270-Adresse wurde von meinen Gasteltern vor 6 Monaten verkauft. Der Verkauf schmerzt sogar Claire. Der Anblick des Gartens, der immer eine grüne Hölle mit Zitronen- und Orangenbäumen war, bringt endgültiges Leid. Die neuen Besitzer haben sogar die Bäume vertrocknen lassen. Gentrifizierung am Arsch.

Für einen Ausflug verlassen wir die Stadt und fahren in das Landesinnere. Rotorura. Hier riecht es nach Pups. Überall. Eigentlich ist der Geruch Schwefel, überall blubbert und dampft es: Vulkane und Geysire. Und natürlich kostet alles Eintritt. Irgendwie haben die Neuseeländer die Portemonnaies der Chinesen entdeckt – die sind zwar aktuell nicht da, aber wir bezahlen trotzdem. Macht keinen Spaß. Trotzdem beeindruckt der Champagner-See mit perlender Kohlensäure und der neongrüne See mit einem pH von 2. Orte, die einem ständig sagen: Mensch, du hast hier nichts verloren!

Hobbiton lassen wir erstmal weg. Original-Filmkulisse von Herr der Ringe, Eintritt pro Person 50€ für zwei Stunden. Wir essen dafür lieber Blumenkohl-Salat in der Stadt, Marie lutscht vergnügt Eiswürfel.

Im Auto philosophieren wir darüber, was Neuseeland und die Einwohner so reizvoll macht. Das Fazit ist eine Mischung aus Allem: Beginnt bei Avocados und Passionsfrucht aus dem Garten, Fisch holt man sich selber oder der Nachbar per Boot oder am Strand. Häuser aus Holz, weil es im Winter nicht so kalt wird – große Schiebetüren, die mehr offen als geschlossen sind: die Freizeit verbringt man auf der Terrasse, im Garten oder am Strand. Irgendwo da steht auch der Grill: BBQ ist Nationalgericht. No Worries = neuseeländische Standard-Antwort.

So machen wir es dann auch am nächsten Tag: zum Frühstück frische Maracuja, Schiebetüren auf. Blanke Sonne. Strandspaziergang, Muscheln sammeln (und in den Mund nehmen), abends Fisch auf den Grill: Tarakihi und Gurnard. Mit Zitrone, Salz, Pfeffer und frischer Petersilie vergisst man Eintrittspreise, Thüringen, Jens Spahn und China. Sofort.

Morgen geht es Richtung Wellington. Zu meinen alten Gasteltern, Paul und Lita Furneaux. Alle sind aufgeregt. Gefühle in Neuseeland, fast wie vor 20 Jahren.

Aus meermenschen.wordpress.com wird meermenschen.blog . Zeiten ändern sich. Und die Kiwis im Kühlschrank: die kommen aus Italien. No worries!

Wunderkerze.

Wir sitzen in einem Baumhaus. Vor uns das Kuaotunu Tal, am Horizont die Thames Förde. Coromandel-Halbinsel. Man riecht noch den Rosmarin vom Grill, der Shiraz kommt aus der Hawkes Bay. Über uns die Milchstraße, Sternenhimmel aus dem Bilderbuch. Wir lauschen einer Unterhaltung. Es wird diskutiert und laut gerufen, Nachbarn oder Liebespaar. Es sind Kiwis. Nachtaktiv, halb-blind, flugunfähig. Weil es in Neuseeland aber sonst nur heimische Insekten, Schnecken, Eidechsen und Vögel gibt (und eine Fledermaus-Art), wurde ein Huhn-großer Behinderter also Nationaltier.

Die letzten Tage waren etwa wie “Ich hätte gerne Streusel und Krokant über das Eis”.

Wir waren Sanddünen-Surfen und haben gelernt, wie es sich anfühlen muss, ge-sandstrahlt zu werden. Haben eine Bootstour in der Bay of Islands gemacht – mit gebotox-ten kanadischen Ehepaaren, die auf einer 90-tägigen Kreuzfahrt sind – einmal um die Welt. Schnorchelnd die Fischwelt betrachtet, mit Erstaunen die Fischgrösse erlebt. Ein ausgewachsener Porae ist so groß wie ein Ferkel.

Haben mit John Wein getrunken und gemeinsam gelacht, als er uns beim Thema Coronarvirus vorgerechnet hat, dass in China am Tag auch ohne Virus sowieso 26.000 Menschen sterben und er die Panik nicht versteht – das Leben in der Stadt, verglichen mit dem Landleben, sei ähnlich wie mit Bäumen: pflanzt man sie zu dicht, werden sie krank und sterben.

Und wir sind Auto gefahren. Von der Bay of Islands nach Bethells Beach, wieder Richtung Süden, in den Norden Aucklands. Pausen vom Autofahren an und im Meer. Marie liebt Meer, Wellen und Strandgut jeglicher Art.

Wir wohnen bei Anna, einer Filmemacherin. Sie hat eine Hütte im Garten, Berghang, Panorama-Blick aus zwei 3-Meter-Fenstern in Küche und Schlafzimmer. Frische Kräuter für Tee. Kein WLAN, kein Handyempfang. 39-Grad-warmer Whirlpool auf der Terrasse. Unglaublicher Ort. Risotto mit Tomaten aus dem Garten, bitte.

Wir wandern einen Teil des Hillary Trails. Der Sand an der Westküste ist schwarz, barfuß vor Hitze kaum betretbar. Menschenleer. Anna sagt, wir sollen zum Wainamu-See laufen. Der sei um diese Jahreszeit sehr warm. Wir können den See umrunden, auf halber Strecke käme ein Wasserfall. Tolles Wasser, wir können darin baden. Um dorthin zu kommen, entweder durch das Flussbett laufen oder über die große Düne. Machen wir. Die Natur übertrifft sich auf dieser Strecke selbst, packt die komplette grüne Farbpalette aus. Später kreuze ich bei Airbnb an – besser als erwartet!

Jetzt sitzen wir zwei Tage danach im Baumhaus von Ange. Der Weg zur Halbinsel, südöstlich von Auckland, verlief fast ausschließlich entlang der Küste, hellblaues Wasser. 29 Grad Außentemperatur.

Richard, ihr Mann und Baumhaus-Erbauer, erklärt uns, an welche Strände wir gehen sollen – an Hand einer Karte der Region auf einem bedruckten Kissen. Lachend erzählt er von den “old Broncos”, die es dort gäbe und wie “cool” es sei, ihnen beim Schwimmen zu begegnen. Wir lachen etwas gequält – “Broncos” ist eine Abkürzung für Bronze-Hai. Die tun nichts, die wollen nur spielen.

Der Kühlschrank ist voll, die Vorgänger haben Bier zurückgelassen. Marie schläft im eigenen Bett, Stabheuschrecken beobachten uns beim Kaffeetrinken – oder andersherum. Was für ein Fleckchen Erde!

“Ich hätte gerne Streusel und Krokant über das Eis.” Neuseeland: “Gern. Nicht erschrecken, steckt noch ne Wunderkerze drauf!”

Die Hände der Queen.

Irgendwie sind wir froh, als wir aus Pataua hinausfahren. Unsere Verdachtsdiagnose hat sich bestätigt. Das Alkoholproblem von der Gastgeberin Rose ist ausgeprägt, führt zu einem fetzen Rausch am Mittag, der Sie über die Straße wanken lässt. Schöner Strand, Rochen in der Flussmündung, fader Beigeschmack.

Auf dem Weg in den Norden machen wir Halt an der Whale Bay. Nachdem wir an gelben Hinweis-Schildern „Kiwi“, tollpatschigen Kamikaze-Pukeko-Blesshühnern und grünen Weiden vorbeigefahren sind, blicken wir erneut auf türkisfarbenes Pazifikwasser. Kristallklar. Wir alle genießen die Abkühlung, Marie später händeweise Sand in den Mund. Scheinbar erschmeckt die junge Dame Neuseeland. Orale Phase nervt.

Kurz vor dem Ziel halten wir an einem Fish‘n‘Chips-Shop. Als ich nach einer Gabel frage, sagt der Kerl hinter der Theke, selbst die Queen esse Fish‘n‘Chips mit den Händen, ohne Gabel. Der Konter, seit wann Neuseeland sich um die Queen schert, fällt mir erst im Auto ein.

Wir erreichen die Bay of Islands. 144 Inseln in einer Bucht. James Cook war auch schon mal da. Die kommenden Nächte schlafen wir bei John und Sue. Und Marco, der Hof-Hund. Die ersten Beiden sind alte Kiwi- und Zitrusfruchtbauern. Alles verkauft, es bleibt das Bauernhaus mit eindrucksvollem Garten und Pool. Vor unserem Gästebungalow stehen Bananenstauden, um uns herum sitzen Millionen Zikaden. Schöner Lärm. John erklärt uns die Gegend, lacht über 130-$-Kiwi-Nacht-Safari („die sind doch überall“) und erzählt, auch Sie hätten ein Enkelkind, 1,5, lebt in London, bisher nur über Video gesehen. Am Abend grillen wir Steaks unter dem Carport.

Nächster Morgen. Kaffee vor der Tür, langes Frühstück. Wir wollen die Gegend erkunden und die nächsten Tage mit der Touristen-Information planen. Dort angekommen heißt es: für die kommenden Tage gibt es nur noch einen Platz, jetzt gleich um 13:00. Red Snapper angeln – mein Traum.

Darren heißt der Guide und Kapitän, stolzer neuseeländischer Seebär. Hat seine Blutgruppe auf den rechten Unterarm tätowiert. In den folgenden 4,5 Stunden hält er nahezu einen Monolog. Angler-Latein. Größer, Länger, Gefährlicher. Er hat alles schon gefangen und erlebt. Inklusive einem Hund auf hoher See mit Schwimmweste. Der Hund hieß Harry und ist von einem Segelboot gefallen. Alle lachen, alle schauen auf die Spitzen Ihrer Ruten.

Was dann passiert, kennt man nur von DMAX. Später zittern meine Hände und Unterarme, am nächsten Tag habe ich Rückenschmerzen. Begleitet von einer Mischung aus Euphorie, Kopfschütteln, Stolz, Demut, Jagdfieber, Dankbarkeit und Glück. Die Mischung ist 7,8 Kilo schwer, schmeckt hervorragend auf dem Grill, mit Zitrone und Rosmarin.

Haie gehören ins Meer, den lassen wir wieder frei. Sagt Darren. Karma.

Am nächsten Morgen ist es bewölkt. Weil wir eigentlich an den Strand wollten, die orale Phase aber zu anstrengend ist, sind wir zunächst leicht orientierungslos. Ungewohnt. Manchmal scheitert man dann doch dabei, einen eleganten Spagat in der Tages-Gestaltung mit Kleinkind hinzulegen, wo es doch theoretisch im Kopf so leicht erscheint.

Per Buggy am Kerikeri River entlang, durch einen Kauri-Urwald hindurch. Schuhe waschen, Marie schläft. Der Weg ist länger, als wir dachten. Umdrehen, Cappuccino am Stein-Speicher. Neuseeländer sind stolz darauf, es sei das älteste Geschäft des Landes. Gebaut 1832. Überschaubare Geschichte.

Den Rest des Tages vertrödeln wir, hängen in der Luft und in den Seilen. Marie schläft mehr als das Sie wach ist. Solche Tage gibt es also auch downunder.

Morgen geht es ans Cape Reinga, nördlichste Spitze Neuseelands. Dort kommen zwei Ozeane zusammen. Die Tasmanische See und der Pazifik. Die Maori glauben, Mann und Frau. Darren sagt, 60 Kilometer weiter im Meer, ist die Insel Three Kings. Dort gäbe es Red Snapper mit 16 kg. Hat er schon gefangen. Und ich denke: Isst die Queen die dann auch mit den Händen?

Kiwi Cream.

Kia ora. Endlich sind wir hier – 18 Jahre ist es her, als ich die Insel verlassen habe. Die Zollbeamtin ist total begeistert – von der grinsenden Marie und unserer Absicht, meine damaligen Gasteltern zu besuchen. Wir haben noch nie so nett geplaudert, als wir Stempel in unsere Pässe bekommen haben. Die Polizistin der Bio-Sicherheit plaudert weniger, lässt sich aber die Schuhsohlen der Wanderschuhe zeigen und studiert die Inhaltsstoffe von Marie‘s Baby-Kost. Ein wenig hysterisch – die Angst vor „Schädlingen“.

Kurze Zeit später sind wir bei Seini Jensen, ehemalige Furneaux. Meine alte Gastschwester. Und natürlich Ihrem Ehemann, Wilmason. Von Samoa. Per schwarzem Golf sind wir angereist, gibt es zur Begrüßung Fish‘nChips, Rugby im TV und Steinlager-Bier. So wie früher, als hätte sich nichts verändert. Die Chiefs gewinnen.

Wir wohnen im Kinder-Jugend-Zimmer von Laga, ihrem Sohn. 15 Jahre alt, rudert im 8er-Boot der Schule – ein Hüne. Als wir ein paar Tage später, als Dankeschön, Spagetthi Bolognese kochen, isst er 4 Teller.

Sie wohnen in einem Neubau in Glen Innes, nicht weit vom Wasser. Sehr gediegen. Als wir am nächsten Morgen aufwachen, hat Marie Geburtstag.

Nach einem gemütlichen Frühstück, gehen wir spazieren. Erneut Immobilien, die so schön wie unverschämt sind. Provokationen in Häuser-Form.

Am Nachmittag beginnen wir einen Grill-Exzess. Marie hat ja Geburtstag. Lamm, RumpSteak, Bratwürste mit Merlot und schwarzem Pfeffer. Wilmason‘s Schwestern kommen zu Besuch – Marie hat ja Geburtstag. Das Essen gleicht einer Vollnarkose. Für Marie wird Klavier gespielt und Chor-artig gesungen, es gibt einen Kuchen und wir gucken gemeinsam Disney‘s Moana. Südseefilm. Alle singen mit – was für ein Geburtstag!

Am nächsten Morgen fahren wir per Zug nach Downtown-Auckland. Noch vor München in Sachen Lebensqualität. Die Innenstadt ist jedoch genauso trostlos wie vor 18 Jahren – stets bemüht, aber Puh-ja-gehtso. Am Hafen Luxus-Jachten für dreistellige Millionenbeträge, wir essen Fisch – der Thunfisch schmeckt der Tochter nicht. Am Abend besprechen wir bei Rotwein die kommenden Wochen, sind nach einem Telefonat zu Ostern bei meinen Gasteltern eingeladen und vergleichen die Kalender, um Rugbyspiele im Stadion zu finden.

Dienstag brechen wir auf in den Norden. Whangarei als Ziel, genauer: Pataua. Airbnb, Gastgeberin Rose. Sie käme erst am Abend, Häuschen sei offen – kommt wann Ihr wollt! Auf dem Weg machen wir eine kleine 3,5h-Wanderung und kommen aus dem Staunen nicht mehr raus – Mangawhai Cliff Walk. Absurdes Licht lässt das Meer in allen blauen Tönen leuchten, landwärts ein Zikaden-Konzert aus grünem Wald. Unbeschreiblich.

Am Abend erreichen wir das Haus von Rose. Sie hat uns einen Hochsitz und Babybett besorgt, in der Dusche sei BabyShampoo. Wir öffnen eine Flasche Rosé, kochen nach Wochen endlich wieder allein, nur für uns – Carbonara. Wir sind selig!

Und Kiwi Cremé? Die gab es zum Geburtstag von Marie. Isst man mit Chips. Neuseeländer würden es lieben, wir müssten es probieren – sagt die viel zu dicke Schwester von Wilmason. Es ist reduzierte Sahne (angeblich 40% weniger Fett) mit Zwiebelsuppe-Trockenpulver von Maggie. Wurde in den 70ern im neuseeländischen Fernsehen beworben, wurde danach zum „Nationalgericht“. 1 von 3 Neuseeländern ist übergewichtig, 66% der Dicken kommt von pazifischen Inseln. Nach 8 Minuten ist die Schale leer – Marie hat ja Geburtstag.

Bananenbrot.

Es regnet. In Bindfäden, seit Stunden. Genau so lange liegen wir im Bett und lassen es einfach geschehen. Gedankenverloren. Das Blechdach erzeugt ein betäubendes Rauschen, wir lesen oder bringen Marie den Eskimokuss bei. Gemütlich.

Beim Frühstück am Mittwoch kommt Leonie vom Strand wieder und lacht. Erneut hat sie eine junge Frau angezischt, die ein Selfie von sich am Strand gemacht hat und danach nur auf Ihr Handy geguckt hat. Sie macht sich einen Spass daraus und faucht: Stop texting hashtags, look at the view!

Bananenbrot – möchtet Ihr es mit Butter und getoastet, fragt die Kioskbesitzerin. Vor lauter Überraschung verneinen wir im ersten Moment. Sollte ja nur ein bisschen Wegzehrung für die Tochter sein. Die Idee ein Stück Kuchen zu toasten und mit Butter zu bestreichen, klingt nach Sydney.

Hier geht es hauptsächlich um Genuss, vor allem am Leben. Beginnt bei einer schnellen Jogging-Runde in der Mittagspause am Meer durch den Botanischen Garten und endet bei einem etablierten Feierabendbier-im-Pub. Oder eben getoasteter Kuchen.

Der Kiosk ist auf dem Weg vom Bondi-Beach nach Coogee, ein Holzweg an der Steilküste. Offenes Meer. 2000 Kilometer tasmanische See, dann kommt Neuseeland. Wir laufen und unterschätzen die Kraft der Sonne. Essen Fish‘n‘Chips und füttern Möwen mit Pommesresten.

Den Abend verbringen wir auf unserem Balkon, öffnen die Flasche Weisswein aus Deutschland. Beobachten, wie bunte Papageien in den Bäumen diskutieren und die Flughunde in der Dämmerung durch die Strassen fliegen. Fliegende Füchse. Die Sonne hat uns rot und gold-braun angemalt.

Die Tage in der Stadt tun gut. Wir schöpfen aus den Vollen. Kaufen Marie ein Geburtstagsgeschenk und neue Klamotten, weil die gleichen 4 TShirts nach all den Wochen nerven. Oder sie sind bauchfrei – nach all den asiatischen Künsten der professionellen Reinigung-Services.

In nahezu heiliger Erinnerung (als 16jähriger) hatte ich ein Schwertfisch-Steak im Fischerei-Hafen von Sydney. Dahin spazieren wir am Mittag und erfahren pure Ernüchterung. Gar Enttäuschung. Umgeben von, hoffentlich Virus-freien, Chinesen, ist es ein Ort der Wahrheit. Alle verkaufen das Gleiche: Hummer, Krebse, Scampi, Austern und Kalamari-Ringe. Der Chinese wünscht es so und ist bereit es zu zahlen. Die romantische Vorstellung von einem Fischer, der den Catch-of-the-day auf Eis präsentiert und später in die Pfanne haut, ist 20 Jahre alt.

Wir essen Baramundi, geben dem wartenden Pelikan im Wasser etwas ab und gehen, mit hängenden Schultern, zurück nach Surry Hills. Früher war alles besser. Trotzdem bleibt Sydney eine traumhafte Stadt!

Morgen geht es nach Neuseeland. Aotearoa. Wettervorhersage ist fantastisch, die vor einem halben Jahr gebuchten Unterkünfte sehen gemütlich aus. Wenn die nächsten Gastgeber auch einen Kopfstand in der Küche machen, wie es Leonie am Morgen vorgemacht hat, geht es grossartig weiter. Ohne Chinesen, die dürfen ja erstmal nicht einreisen. Läuft. Ohne hashtag.

Eskimokuss.

Platypus.

My beloved Sydney – auch ohne „2-Monate-Asien“ wärst du Zucker. Mit „2-Monate-Asien“ bist du eine Seelenstreichlerin. In allen Punkten zauberst Du Erleichterung und Grinsen. Du Schöne!

Landung am Samstag Morgen. Die Nacht im Flieger war anstrengend – zu viele schreiende Fremd-Kinder um uns herum. Zu wenig Platz neben einem indischen Ehemann, der seinem Sohn scheinbar Chips als Hauptnahrungsmittel antrainiert. Egal.

Der Taxifahrer grinst uns an und fragt, wie es uns geht. Kurz danach klingeln wir an der Tür. Commonwealth Street 126. Leonie öffnet und zeigt uns die Küche. Kaffee, French-Press und echte Kaffeebecher, 20jähriger Kater. Er hat heute morgen in die Einfahrt gekotzt.

Sie selbst, sicher über 70, lebt alleine. 3 Kinder. Führt aber seit Jahren dieses Gästehaus in Surry Hills. 3 Zimmer, eigentlich immer voll – nur diese Woche komplett leer. Wir sollen uns wie zuhause fühlen und falls Einer nicht schlafen kann, können wir uns auch gerne aufteilen. Sie redet wie ein Wasserfall. Einiges ist ein bisschen wirr. Coronarvirus käme aus dem Labor und wurde gemacht, um schwule Chinesen zu töten. Ihr Gewürzregal ist im Tiefkühlfach und Scott Morrison sei ein Arschloch.

Ob wir mit an den Strand wollen? Zum Wohle des Kindes, verneinen wir. Schweren Herzens. „Wir“ wollen lieber kurz schlafen.

Draußen normaler Strassenlärm. Es ist warm. Kein Dengue, kein Malaria, kein Moskitonetz. Als hätte Marie es gewusst, schlafen wir alle zu lange, aber unglaublich wohltuend.

Dann spazieren wir in die Stadt. Hand-in-Hand mit kurzen Hosen. Alles ungewohnt. Supermarkt: Obst, Wurst, Käse, Vollmilch, Schokolade, Saft. Für Marie: Regale-weise. Einmal alles. In Hochhaus-Schluchten lassen wir uns treiben. Verstehen die Schilder der Läden, die Wortfetzen der Entgegenkommenden.

Schlendern durch den botanischen Garten und plötzlich ist es da: das Opernhaus. 59 bis 73 gebaut, dänischer Architekt. Der hat sein Werk nie „live“ gesehen, weil er vorher das Land im Streit verlassen hat. Er hat sich aber auch beim Budget um den Faktor 10 verrechnet.

Es ist so zeitlos wie schön. Wir werden es in den nächsten Tagen regelmäßig wiedersehen. Und es lohnt sich ja – aus allen Richtungen.

Auf dem Heimweg kaufen wir, besinnungslos und hoch-euphorisch, den obigen Supermarkt leer. Dann Burger mit Cider, dann Bett. Bravo!

Die anschliessenden Tage sind wie im Rausch. Wir erkunden die Stadt und laufen laufen laufen. Per Fähre zum McMahons-Point und über die große Hafenbrücke zurück. Dann Fish‘n‘Chips mit Miesmuscheln und Rosé, dann Bett. Marie schläft 13 Stunden durch.

In der Nacht: Regen! Es kühlt ein wenig ab, macht die Temperatur und die Sonne am Tag aber nur erträglicher.

Wir fahren per Bus nach Split und laufen nach Manly. Split, Clontarf und Balgowlah als Vororte von Sydney, Manly als einer der großen Strände der Stadt. Mit den Vororten ist Sydney fast doppelt so groß wie Berlin.

4 Stunden entlang der Küste. Durch Wälder, über Treppen und Holzstege, vorbei an kleinen Stränden und recht eindrucksvollen Echsen, die auf dem Weg sitzen. Entlang an Villen und Pools, die so schön sind, dass sie eigentlich enterbt werden müssten. Gerne an uns. Marie schläft in der Kraxe, wir springen ins Meer. Per Fähre zurück, der Himmel zieht zu. Tolles Licht.

Später Spaghetti Bolognese beim Italiener nebenan, dann Bett.

Dienstag Morgen: Wetter soll nur halb-sonnig werden. Wir fahren also per Fähre in den Taronga-Zoo. Auge in Auge mit Koala, Känguru, Emu und tasmanischen Teufel. Aber auch mit Spinnen, Taipan und Platypus. Alles Einheimische, einige ganz nett, anderen sollte man tunlichst aus dem Weg gehen. Marie freut sich über Tauben und Möwen.

Falafel beim Libanesen die Straße hoch, dann Rotwein, dann Bett.

Während wir einschlafen fragen wir uns, ob Platypus ein toller Name für einen Hund wäre. Eine Mischung aus Salzwasser und Sonnenbrand brennen ein wenig im Gesicht, Maries Haare riechen nach Sonnencreme.

Grinsend schlafen wir ein.

Tabula rasa.

Die letzten Tage in Yangon und Bangkok waren immer unsere „Puffertage“ – damit wir Reisetage schieben können, falls jemand krank wird, damit wir Wäsche waschen können, Kinderkram wie Windeln einkaufen können und Dinge erledigen, die wir nicht geschafft haben. Solche Tage ziehen sich dann schnell wie Kaugummi – gerade wenn man Wäsche waschen muss und keine Dinge erledigen kann, weil einer krank ist.

Nicht Corona, sondern irgendwas Magen-Artiges. Ein bisschen Übelkeit, ein bisschen Fieber, alles nur halb und doch irgendwie bettlägerig – auf den letzten Metern hat es mich in Bangkok erwischt. Gehört dazu, nervt aber. Durch unsere berufliche Vorbelastung sind die gedanklichen Differentialdiagnosen aber die größere Belastung. Und mit Corona sah ich mich schon in australischer Quarantäne sitzen. Welch Hysterie!

Bier und Papaya-Salat haben aber gerade sehr gut geschmeckt. Es geht also aufwärts.

Der letzte Abend in Yangon war auch lecker – da wurden wir von Wai Wai zum Essen eingeladen. Es gab Gerichte, die nicht auf der Karte standen. Wir durften also nochmal Myanmar probieren. Wie schmeckt es? Bodenständig, herzlich, gastfreundlich, grad‘ ‘raus. Myanmar lächelt und erzeugt selbiges. Nur der Löwe im Gehege neben dem Hotel nicht. Der brüllt die ganze Nacht und verkündet ein Problem, welches uns wach hält.

In den letzten zwei Monaten haben wir südostasiatische Gegenteile besucht: Thailand, erfahren im Tourismus seit 30 Jahren, sicherlich mit einer seiner Hochburgen wie Koh Pha-ngan. Wir haben versucht, dort dem Massen-Tourismus aus dem Weg zu gehen – was oft sehr gut gelang, manchmal völlig chancenlos war. Die kleine Dame ist unsere Erklärung für die Zielwahl. Dennoch ist die Insel an einem Punkt angelangt, wo Ursprünglichkeit vielleicht noch der Heckscheiben-Aufkleber „Long live the King“ bedeutet. Mehr nicht.

80 Minuten Flug: Myanmar. Pendelt. Zwischen maximaler Armut und Golfplatz in Bagan. Pendelt zwischen KFC am Golden Rock und Regionen, wo körperliche Gewalt durch den Staat dem Touristen droht. 8 Wochentage, eigene Zeitzone.

Es waren wunderbare Wochen, die wir uns viel komplizierter vorgestellt haben, als sie am Ende waren. Auch dort gibt es kleine Kinder und es gilt, wie immer: erstmal auf dem Weg, ist das Gehen gar nicht schwer.

Der Weg geht jetzt weiter: Gate E9, Ziel: Downunder. Sydney. Feuer sind aus, wir kommen. Ein merkwürdiger Premier bleibt. Wir freuen uns auf ein bisschen Normalität und Ruhe. Burger, ohne Hühnerfleisch und eine Flasche Wein. Eine haben wir im Gepäck: ein Gruss eines Kollegen, überreicht als Mitbringsel durch Kollegen in Yangon. Mit vier Tuben Windelcreme und einem Stoffhund – Vielen Dank. Perfekte, kleine Welt. Freundeskreis.

Die haben ja mal über Tabula rasa gesungen. Machen wir jetzt auch. Zählen wir also mal vor dem Abflug zusammen:

Flüge: 7

Ausgepackt/Eingepackt: 14 Mal

Anti-Mücken-Spray: 4 Flaschen

Fortbewegungsmittel: Flugzeug, Nachtzug, Fähre, Auto, Tuktuk, Doppeldecker-Bus, LKW, E-Roller, Fahrrad, Longtail-Boot, Jeep, Gondel

Magen-Darm: 1,5 Mal

Schlangen: 2

Fried-Rice-Bestellungen für Marie: gefühlt 30

Kältester Ort: Inle-See nachts

Heißester Ort: Koh Pha-ngan

Durchschnittsalter Touristen Ko Pha-ngan vs. Myanmar: 24 vs. 49

Friseurbesuche: 2

Silvester: 2 – frohes neues Jahr der Ratte!

Marie auf fremdem Arm: 150-200 Mal (realistisch geschätzt)

Flaschen Wein: 2,5

Schärfeskala 1-10: 12 – Abendessen in Bangkok, Schnappatmung im Sri Trat

Laundry-Service: 7

Abflug: jetzt. Südhalbkugel – Teil 2 der Reise.

Zoo.

Mingalabar, sagt der Mann, der sich als unser Kapitän vorstellt. Es ist kein Zauberspruch sondern heißt „hallo“ auf Burmesisch. Es klingt aber wunderschön und wir haben es in den vergangenen Wochen so oft gehört wie gesagt.

Er heißt Myint Oo.

Oo strahlt Ruhe aus, sein Longtailboot hat einen goldenen Rand und wenig später versenkt er die Schiffsschraube im Wasser. Diese Hebelbewegung ist entscheidend – der Inle-See ist nicht überall sehr tief und es gibt häufig Treibgut. Schiffsschraube rein, Schiffsschraube raus. Das Gut sind schwimmende Inseln, die in großem Stil als Gärten genutzt werden: hier wachsen Tomaten, Auberginen und Blumen auf dem Wasser, die Gartenparzellen werden per Bambusstange am Seeboden verankert.

Also geht es los. Der Dieselmotor knattert lautstark über den See. Weil wir unsere Jacken in Yangon geparkt haben, tragen wir alle eine fast zweistellige Klamottenanzahl. Der Morgen ist kalt, im Schilf steigt Nebel auf.

Wir beginnen den Tag auf dem Nan Pan Markt, der der ursprünglichste auf unserer Asienreise sein wird. Hier wird verkauft, was die Gärten hergeben. Ziegenkopf neben Tomate neben Fisch neben Nüssen in Karamell neben Betelnuss neben Schnitzerei neben Cherott-Zigaretten.

Der Vormittag ähnelt ein wenig einem Zoobesuch oder Whale-Watching: sehen wir einen Fischer, der als Einbein-Ruderer über den See rudert, wird das Boot langsamer, damit wir Fotos machen können. Wir besuchen einen Silberschmied, Bootsbau, Seiden-und-Lotus-Weberei. Nächster Stop, nächstes Gehege: Volk der Longneck-Frauen. Wir sind unsicher, ob wir uns diese Tour so vorgestellt haben, aber es sind auf der anderen Seite lokale Traditionen, auf die die Menschen stolz sind. Weißwurst, Biergarten, Blasmusik und Tegernsee auf Burmesisch. Alle lachen, alle sind freundlich. You can bargain!

Den Nachmittag verbringen wir am Pool im Resort. Auch eine Form von Gehege. Die Gekkos, nachts in unserem Haus, unterhalten sich zu laut.

Zweiter Tag, Bootsführer: Oo, neues Ziel: die Shwe Inn Dein Pagode. Eine Stunde fahren wir einen Fluss-Arm des Sees hinauf, immer wieder gibt es Staustufen aus Bambus, die mit Vollgas mittig befahren werden wollen. Der Kapitän trägt heute lässig eine Sonnenbrille und hat etwas von James Dean.

Am Flussufer waschen sich Frauen, ein Mann seine Kuh.

Die Pagode sind viele kleine einzelne. Dieses Mal in neu und restauriert neben alt und verfallen. Aber wir merken, wir haben den Zustand „tempeled out“ erreicht. Ein Spalier aus Händlern versucht Ihr Glück, ohne Arme bemalt ein Herr eine Dose mit dem Fuß.

Per Boot zurück. Wir sehen noch ein paar Wale mit Fischernetzen, Marie findet es großartig. Am Abend versinkt die Sonne in einem rotem Meer.

Dem kommen wir nun auch wieder näher. Morgen geht der nächste Flug nach Yangon, zwei Mal Abendessen mit Waiwai, anderes Hotel. Danach ist das Kapitel Myanmar abgeschlossen. Ein unglaublich buntes und freundliches Land, welches sich in den Endzügen seiner Ursprünglichkeit befindet. Wer es bereisen will, sollte es bald tun. H&M, Starbucks und KFC haben sich schon auf den Weg gemacht.

Claire sitzt in der Abendsonne und sagt, sie freut sich so sehr auf das thailändische Essen. Marie untersucht ein Plastik-Krokodil.

Fische schwimmen unter unseren Füßen und graue Störche durchforsten das Schilf. Die gibts auch im Zoo. Aber in weiß.

Eisvogel.

Um 06:50 geht die Sonne auf. Marie schläft noch, wir entscheiden, Sonnenaufgang mache ich alleine. Die Kälte am Morgen völlig unterschätzt, sitze ich später, schlotternd, auf dem Roller. Der Temperaturunterschied zu tagsüber ist beeindruckend. Per Google Maps suche ich die richtigen Sandwege, um einen guten Hügel zu finden. Ich bin nicht alleine. Wenig später fliegen ca. 25 Heißluftballone in goldenem Licht.

Die andere Seite der Medaille…

Nach dem Spektakel stehe ich zuerst eine halbe Stunde unter der heißen Dusche, dann trinken wir gemeinsam schwarzes Wasser. Mehr ist der Kaffee leider nicht. Egal. Wärme.

Der Tag wird gemütlich, wir fahren mit dem Roller an-über-durch Pagoden oder deren Reste (vorbei), gehen auf der Handy-Landkarte verloren und finden uns wieder. Eine falsche Abzweigung endet in einem Flussbett – schweißgetrieben und kurz fluchend schieben wir unser Gefährt mit durchdrehenden Reifen durch den Sand. Wir finden den richtigen Weg erst, als wir eine Schlange am Wegesrand passieren. Herzrasen. Es war eine Chinesische Rattenschlange, harmlos für den Menschen – finden wir aber erst später raus.

Nach der Prüfung: die Belohnung in Form einer Ruine, von der wir den letzten Sonnenuntergang in Bagan erleben. Zusammen mit einem englischen Ehepaar, die hier Ihre Hochzeitsreise verbringen und von Durchfall im Zug berichten.

Am nächsten Morgen geht die nächste Turboprop nach Heho. Am Flughafen schaut der Sicherheits-Mann seinem Sohn beim Handyspielen zu, während wir mit allen Flüssigkeiten und Kaffee in der Hand passieren dürfen. Und erleben englisch-nationales Selbstverständnis: Urlaubslektüre eines jungen britischen Paares (in einer ehemaligen Kolonie des Königreiches): How Britain made the modern World.

Die Flughäfen sind so rudimentär und bunt, es wirkt wie in einem Wes Anderson Film. Vor uns eine stolze, Burmesische Dame mit traditioneller Kopfbedeckung: Frottierhandtuch. Macht man hier so.

30 Minuten Flug, der Taxifahrer trägt Cowboy-Hut. Wir fahren am Ostufer des Inle-Sees entlang, fast an die südliche Spitze. Ein Resort nach dem anderen. Claire schüttelt den Kopf und erzählt, wie es mal war.

Serenity heißt Gelassenheit. Und so unser nächstes Hotel. Und unsere Behelfs-Lüge vom Vortag zahlt sich aus: in einer kurzen Mail schrieb ich, bei unseren letzten Unterkünften in Myanmar hätten wir weniger Glück gehabt, wir wünschen uns Wiedergutmachung.

Und die sieht so aus: Pfahlhaus-Villa 214, letzte am Steg rechts. 100 qm groß, 180 Grad Blick auf den See. Von der Terrasse: Sonnenuntergang, UltraultraHD, Breitbild. Das Hotel ist etwas in die Jahre gekommen – was es aber noch romantischer macht. Alles aus Holz, der Geruch erinnert an ein dänisches Ferienhaus. In der Sonne knarzen die Dielen, das Gebälk knackt. Das Wasser reflektiert die Sonne an die Decke. Nebenan Sofitel-Resort, die Nacht 200€, alles neu – wirkt völlig fehl am Platz.

Am Nachmittag, das erste Mal im Leben der Eltern: Room Service. Club Sandwich, im Gepäck hatten wir noch echten burmesischen Rotwein. Aus Kaffeebechern. Marie summt, wir auch. Vor uns befreien Frauen auf Einbaum-Kähnen die Seefläche von Wasserhyazinthen.

Nachts schläft das Kind durch. Es ist richtig kalt ohne Sonne, die ersten Gäste des Hotels lassen sich am nächsten Morgen von Longtail-Booten, im Nebel, auf den See fahren. Wir trinken Kaffee auf dem Holzdeck. Natur ist besser als jede Stadt, murmele ich. Claire nickt schlaftrunken. Ein blauer Eisvogel frühstückt einen Fisch.

Und Marie? Die fängt an zu krabbeln.

Staub.

Wenn uns jemand sagen würde, was haltet Ihr von einem Nachmittag auf dem Fahrrad, wären wir immer dabei. In der Sonne? Klar. Durch die Steppe? Mhm. Archäologie? Gegenfrage: Gibt es Alternativen – Pool?

Welcome to beautiful Bagan. Eröffnet wurde hier im 9. Jahrhundert. Auf 40 Quadratkilometern wurden tausende Pagoden und Stupas gebaut, schwere Erdbeben und durchgeknallte War-Lords haben die Zahl auf 2000 verringert. All das am Ufer des Irrawaddy, Steppenlandschaft. Es ist aktuell warm, im Sommer soll es unnatürlich heiss werden. Wir sind mit den aktuellen Temperaturen ganz gut bedient.

Mit dem Taxi ging es 3 Stunden von Mandalay nach Bagan. Über Land, mehrmals musste eine Art Wegezoll in kleinen Dörfern bezahlt werden. Schlaglöcher nahm der Fahrer sportlich mit 60kmh ins Visier, mein Kopf schlug regelmäßig an das Autodach.

Das Hotel ist klein, betrieben von zwei burmesischen Frauen, die in England Hotellerie gelernt haben. Schon zu Beginn fällt auf, dass Bagan sehr viel touristischer ist, als alle anderen Orte zuvor. Den Grund erfahre ich am nächsten Tag: dieses Areal aus Pagoden und Ruinen ist wirklich beeindruckend. Wirklich. Beeindruckend.

Claire war ja schon mal hier. Damals war es anders: es gab kaum Touristen, Fahrrad war das bewehrte Fortbewegungsmittel und man konnte auf jede Pagode klettern und den Sonnenuntergang beobachten. Alleine.

Wir leihen uns Fahrräder. Auf staubigen Wegen fahren wir durch Felder, vorbei an Pagoden und Stupas. Kühe, Ziegen und Chinesische Touristen. Letztere lassen sich per Pferdekutsche oder Ochsenkarren durch die Landschaft ziehen. Sieht von außen schön aus, die Fahrgäste schauen eher gequält.

Nebenbei fällt uns auf, dass es kaum eine Pagode gibt, die man noch erklimmen kann oder darf. Alles ist verschlossen oder zugemauert. Zu gefährlich, sagen die Burmesen. Das wahre Verbot kommt aber von der UNESCO. Weltkulturerbe seit einem halben Jahr.

Immer wieder steigen wir von den Rädern, betreten Gebäude oder deren Reste. Die Sonne brennt. Vorweg: in jeder Pagode war eine Buddha-Statue – oder zwei. Im Tagesverlauf kann man den Begriff „overpagoded“ nachvollziehen, das Konzept „Fahrrad mit Baby“ zeigt an diesem Ort Schwächen.

Als die Sonne untergeht, kommt uns ein Motorradfahrer entgegen und fragt – Sunset-Pagoda? Das Ende von Lied: er ist Pagoden-Wächter tagsüber und guckt, dass keiner drauf klettert. Am Abend, zeigt er den Touristen, wo es noch hoch geht. Das ist doch mal ein tolles Konzept. Natürlich nicht aus Selbstlosigkeit: wir kaufen ihm ein Sandgemälde ab. Er ist nämlich auch Maler. Nur ein paar Dollar. Alles klar.

Beim Abendessen isst Marie fast einen Teller Fried Rice. Wonderful Tasty heißt das Strassenrestaurant. Familienbetrieb. Obama hat sich hier scheinbar seinen Platz verdient gemacht. Das Essen und die Curries sind so gut und unburmesisch, wir beschließen, den Rest der Tage in Bagan nur noch hierher zu kommen. Keine Experimente.

Wir schlafen aus. Bis 7. Zum Frühstück gibt es Sojamilch zum Kaffee. Marie lässt sich die Rezeption zeigen und ist für eine geraume Zeit in Obhut von Hotelangestellten. Der Herr am Nachbartisch nickt uns zu und murmelt: Ist doch praktisch.

Am Nachmittag leihen wir uns einen E-Roller. Und um unruhige Gemüter zu beruhigen: wir sind mit 20 km/h auf Feldwegen gefahren, ohne Gegenverkehr. Und Marie fand es super. Auch ohne Helm. So.

Zum Sonnenuntergang sind wir (dann auch noch) eine kleine Ruine hochgeklettert. Der Buddha unter uns hatte keinen Kopf mehr, die Franzosen neben uns aber Kuchen. Wir Chips und Bier. Keiner von uns hatte Schuhe an, die zieht man ja beim Betreten eines Gotteshauses aus (im wahrsten Sinne des Wortes).

Die Sonne geht unter. Und Bagan wird zu etwas Verwunschenem. Überall sieht man die Zipfel von kleinen Pagoden oder mächtige Bauwerke aus den Baumwipfeln ragen. Ein perfekter Moment – für den Preis eines Sandbildes.

Wir tuckern ins Hotel. Werden überholt von anderen Rollern, auf denen ganze burmesische Familien sitzen. Alle winken. Beautiful Bagan.

Tibetische Mo Mo‘s
Finde Marie!

 

Flussschwein.

Ach Mandalay – am Ende denkt man über Dich irgendwie „puh, ja, geht so“. Du bist ein bisschen wie die letzte Mass auf der Wiesn: in einigen Punkten wunderbar, aber am Ende hätte man sie nicht gebraucht. Du bist groß und laut und hektisch, dreckiger als der Rest. Dein Verkehr zwingt uns, die kleinsten Entfernungen nicht zu Fuß, sondern per Tuktuk zurückzulegen. Deine Strassenküchen sind wirklich nichts mehr für den europäischen Magen und Dir sind Touristen egal. Du klingst romantisch, bist aber eigentlich nur realistisch. Blanke Armut, Überlebensmodus.

Mit einer Propellermaschine sind wir Dienstag angekommen. Völlig unkompliziert. Zuvor wurden wir in Yangon von Wai Wai und Ihren Mädels mehr als freundschaftlich verabschiedet. Selbstgemachte Erdnussbutter im Glas zum Abschied.

Es gibt kaum ein Land, in dem der Buddhismus so mit dem Alltag verwoben ist. Staatsreligion. 90% der Burmesen sind Buddhisten, über eine halbe Million Menschen leben als Mönch oder rosafarben-gekleidete Nonne. Im Flieger vier Amerikaner. Wir kommen ins Gespräch. Dabei erzählen Sie uns, Sie kommen im Namen einer christlichen Kirche, um hier zu missionieren. Turbulenzen. Weniger im Flieger, als in unserem Verständnis. Was für ein absoluter Quatsch!

Am nächsten Tag bestellen wir uns via App ein TukTuk. Vorteil der App – Ziel ist per Karte vorgegeben, der Preis klar ausgemacht. Fahrtwind in gelber Gardine, Marie ruft Tauben hinterher. Wir lassen uns an das Ufer des Irrawaddy fahren. Die gelb-braune Lebensader des Landes, einer der größten Flüsse Asiens. Klamotten trocknen in der Sonne, überall ist Müll. Der Geruch um die Fischhändler ist für Erfahrene. Faszination und Unbehagen wechseln sich ab.

Tuktuk.

Wir fahren zum Mahamuni Tempel. Mittagessen zwischen Glockenschlägen. Der Buddha trägt einen Schuppenpanzer aus Gold, welches erneut von Männern angeklebt wird. Alles für den Glauben. Die Statue gilt als die Wertvollste des Landes.

Südlich des Tempels befindet sich die Straße der Steinmetze. Hier werden Buddha-Statuen aus Speckstein und Marmor geschliffen. Feinstaub-Champions-League. Die Arbeiter arbeiten maximal 10-15 Jahre hier, länger macht die Lunge nicht mit. Body Shaping in Stein, das Gesicht ist der finale Höhepunkt der Erschaffung.

Tuktuk.

Zur U-Bein-Brücke. 1,5 km, 160 Jahre alt. Teakholz. 6 Meter hoch, kein Geländer. Wir laufen über den Taung Tha Man See, Mittagssonne. Eigentlich kommt man erst zum Sonnenuntergang her und fotografiert die Brücke vom See aus. Aber das jüngste Mitglied unserer Reisegruppe ist prinzipiell für Vorhaben bei Sonnenauf- oder -untergang nicht zu begeistern. Auf der Brücke kann man Finken und kleine Eulen kaufen, um diese dann freizulassen. Finken für die kleinen Wünsche, Eulen für die Großen. Im Flug gen Himmel werden die Wünsche mitgenommen, die Vögel später wieder eingefangen.

Tuktuk.

Hotel, dann indisches Restaurant. Wir vermissen die Küche von Wai Wai. Das burmesische Essen ist uns zu ölig, zu fettig, zu unscharf, zu wenig raffiniert. Manche Gerichte im Restaurant wirken als würde man Gerichte nachkochen, die ein entfernter Cousin mal im Internet auf einem Foto gesehen hat.

Am nächsten Morgen: Tuktuk. Dann aber Fähre.

Wir fahren flussaufwärts nach Mingun. Marie schläft. Es ist ein sonderbares Licht – das Wasser des Irrawaddy, die Sandbänke und der Nebel verschwimmen. Wieder ein Amerikaner als Mitreisender. Dieser erzählt jedoch, er lebe in China, die USA sei bei dieser Politik kein guter Ort zum Leben. Sympathisch, macht aber nachdenklich. Ob China der bessere Ort ist? Der Dieselmotor blubbert vor sich hin.

Nordwestlich angekommen, laufen wir zur Hsinbyume-Pagode. Das Bauwerk ist so weiß und hell, dass die Kombination mit Sonne den Aufenthalt auf ein Minimum begrenzt. Wir schlendern zur nächsten Sehenswürdigkeit – es ist das erste Mal auf dieser Reise, an dem wir recht regelmäßig überzeugt werden sollen, dass wir genau hier Ketten, Klamotten, Bambuslatschen, Kokosnüsse, Gemälde oder Thanaka-Paste kaufen sollen.

Die Mingun-Pagode anschließend gleicht dem Turmbau zu Babel. Vielleicht war er das ja auch. Sollte mal die größte Pagode des Landes werden, Erdbeben und Fehlkonstruktion wetteten dagegen. Die Pagode “bröckelt”.

Auf der Fährfahrt zurück sehen wir einen Flussdelphin. Marie lässt sich von einem Franzosen ein Madonnenbild erklären. So unterschiedlich ist die Familie zu begeistern.

Dann folgt: Tuktuk. Mittagsschlaf. Tuktuk. Einkaufen. Windeln und burmesischen Rotwein, Jahrgang 2015, Shiraz. Tuktuk. Hotel. Tuktuk. Restaurant. Tuktuk. Hotel. Schlafen.

Morgen geht es per Taxi nach Bagan. Wir freuen uns sehr. Dort hoffen wir dann auch auf einen schöneren Blick aus dem Fenster: dieser hier geht nämlich nur 30 cm – zur nächsten Hauswand.

Mandalay eben – “puh, ja, geht so.”

Stein.

Wir hätten wandern können. 4 Stunden, sagt die Dame an der Rezeption. Weil sowohl die Rotznase als auch die Sonne zu ausgeprägt erscheinen, entscheiden wir uns morgens für die Variante, die die anderen Tausend an diesem Morgen schon für die Richtige erachtet haben: Achterbahn!

Erneut ist es diese typisch asiatisch-unorganisierte Organisation (zumindest, wenn man die Sprache nicht versteht). ရုံစတင်! Einfach erstmal einsteigen: auf einen LKW mit offener Ladefläche, auf der Sitzreihen montiert sind. 7 Reihen. In eine Reihe passen gemütlich 4 Personen, der LKW-Fahrer überzeugt, aus unternehmerischer Sicht nachvollziehbar, es passen sicher 7 oder 8 Menschen. Man fühlt sich ein wenig wie Vieh.

Und dann geht es los. Mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit rein in die Serpentinen. Vollgas, Drehzahl muss oben bleiben. Man kann sich festhalten, aber es ist eher die Menschenmasse, die sich gemeinsam einkeilt. Hier darf nichts passieren. Die Asiatin neben Claire kotzt in einen Plastikbeutel. Ich muss lachen, der Fahrer grinst über den Außenspiegel zurück.

Wir sitzen in der ersten Reihe, sehen den Verlauf der Straße nur wenig. Es ist wie eine schlechte Achterbahn, Kurven erkennt man an den G-Kräften, die Einen in die Hüftknochen des Sitznachbarn drücken. Marie juchzt vor Freude. In Deutschland sitzt das Kind in einer 350€-teuren Sitzschale, hier ist es Sicherheit durch die bloße Kraft von Mutter und Vater.

Auf dem Weg zum Goldenen Felsen gibt es eine Zwischenstation. Base Camp. Hier müssen Touristen aussteigen, der letzte Teil sei zu gefährlich. Weil ich die ganze Zeit gelacht habe, läd uns der Fahrer ein, auch das letzte Stück per LKW zu fahren. Uns ist beiden etwas flau im Magen, vielen Dank, nächstes Mal.

Kurze Zeit später finden wir uns in einer Schweizer Gondel wieder. Vor ein paar Jahren hätte man den letzten Abschnitt noch laufen oder sich per Sänfte tragen lassen müssen.

Oben angekommen, Schuhe aus. Disney-Land. Alles bunt und glitzert, es herrscht ausgelassene Stimmung. Man kann Maschinengewehre aus Bambus kaufen, eingebranntes USA an der Seite. Frittierte Insekten, Betelnuss, Pfeffer, Obst. Hühnerfuss to go.

Und dann sieht man den Fels. Gold. Er trotzt der Schwerkraft, wird mit Blattgold von Männern beklebt. Überall Opfergaben in Form von Essen. Frauen dürfen ihn nicht berühren. Auch wenn die Felsformation rational gesehen nur eine Spielart der Natur durch Wind und Korrosion ist, ist sie beeindruckend. Marie verschläft sie. Ich überlege kurz, ob ich 2500 Kyat (1,50€) in ein Stück Blattgold investieren soll, aber am Ende ist es ja keine halligalli-Touristenattraktion, sondern ein wesentlicher Pilgerort der Buddhisten in Myanmar. Besucht man ihn, tut man was für das eigene Karma, um seine Wiedergeburt positiv zu beeinflussen.

Wir pilgern zurück zur Gondel, im Anschluss folgt die Kamikaze-Busfahrt ins Tal mit einer Ladung Chinesen. Marie lacht. Und natürlich geht alles gut.

Am nächsten Morgen erzählt uns der Taxifahrer, der uns zum Zug nach Yangon bringt, er sei 18 Jahre zur See gefahren. Er war schon mal in Deutschland – in Bremerhaven.

Die Tachonadel funktioniert nicht mehr. Egal – wir haben ja einen Pluspunkt fürs nächste Mal.

Gold.

Vormittags wollen wir Tickets für den Zug nach Kyaik Hto kaufen. Von dort soll es dann nach Kin Pun Sakhan gehen, das zugehörige Dorf zum goldenen Felsen. Dazu müssen wir an den Bahnhof, der Taxifahrer spuckt seine Betelnuss-Spucke immer wieder in eine leere Plastikflasche. Das Lächeln für Marie gleicht einem Horrorfilm.

Am Bahnhof erleben wird es kompliziert. Wir erklären mehreren Mitarbeitern, wohin wir wollen. Jeder Einzelne lässt es sich geduldig erklären, fragt ausführlich Einzelheiten ab, wir haben das Gefühl, richtig zu sein, bis wir weiter geschickt werden. Anderes Gebäude, anderer Schalter, Upper Class, Ordinary Class. Am Ende steht auf dem Ticket sogar eine Lebensversicherung. Mutig schauen wir der Reise entgegen.

0,99 Kyats = 0,0006 Euro

Myanmar ist eines der ärmsten Länder Asiens. Militär-Diktatur, Bürgerkrieg, Isolation, Bambus-Vorhang, Rohingya, Naturkatastrophen – Schlagzeilen, die Viele aus der Vergangenheit kennen. In einem Reiseführer lesen wir, es wirke manchmal wie die Tropen-DDR. Wir werden es auf der Zugfahrt und der gesamten Reise noch erleben.

Vorher besuchen wir aber “ein goldenes Mysterium, […], ein funkelndes, großartiges Wunder, das in der Sonne glänzt.[…]Und die Kuppel sagte zu mir: Das hier ist Burma, ein Land, das anders ist als alle anderen, die du kennst.” Schreibt Kipling in seinen Briefen aus dem Orient. 1898.

Für mich (Phillip) einer der Gründe, Myanmar überhaupt zu bereisen. Am Ende des Tages sind wir der Meinung, es ist der schönste Sakralbau der Welt. 60 Tonnen Gold – das Licht überfordert die Handykamera.

Die Shwedagon-Pagode.

Wai Wai sagt, wir sollen am Nachmittag kommen und bis in den Abend bleiben, zum Sonnenuntergang. Weil Sie Marie so hübsch findet, komme Sie mit Charlie am Abend nach. Fotos machen. Wo treffen wir uns, fragen wir. Marie wurde Samstags geboren. Jeder Wochentag hat seinen eigenen Buddha an einer Ecke der Pagode, dem man Wasser aus Dankbarkeit über den Kopf gießen kann. Wir treffen uns bei Samstag.

Wir erleben Stunden voller Staunen. Touristen, Mönche, Opfergaben. Stunden kann man hier verbringen. Glockenschläge, Räucherstäbchen, murmelnde Gebete. Alles Barfuss. Nationalheiligtum, Zentrum von Glaube, Kultur und Politik. Hier hat Aung San Suu Kyi Ihre Rede gehalten.

In 90 Meter Höhe, die Spitze der Stupa, der hti. 80000 Diamanten und 3000 Glöckchen aus purem Gold. Das ganze Bauwerk steht der Legende nach auf 8 Haaren des Buddhas.

Wer auch staunt, ebenfalls über Haare, aber die blonden, sind die Burmesen: hunderte Fotos werden von Marie gemacht. Manchmal gibt es kleine Menschentrauben, die scheinbar den eigentlichen Grund Ihres Besuchs an der Pagode vergessen. Einige fragen höflich, andere drängen sich nahezu auf. Aber alle Lächeln.

Den nächsten Morgen beginnen wir um kurz vor 5, packen (gefühlt) das Hotelzimmer ein, sind um 6 am Bahnhof, 6:30 startet der Zug 89 mit einem lauten Hupen. Wir erleben 6 Stunden einer wunderbaren Fahrt durch das Land. Es rumpelt, rattert und dröhnt teilweise so sehr, dass Marie denkt, es sei laute Bass-Musik. Und wippt zum Tackt. Die grünen Vorhänge flattern an Reisfeldern und Büffeln vorbei, an Bambushütten und kleinen Pagoden. Einfachstes Myanmar. Kinder winken an Haltestellen, Ochsenkarren aus Holz. Armut. Zur britischen Kolonialzeit war Burma größter Reisexporteur der Welt.

Händler laufen fast minütlich durch den Zug und bieten lautstark Alles an: Obst, Handykabel, Betelnuss, gebratener Fisch, Rückenkamm zum kratzen. Marie ist wahnsinnig fasziniert.

Im Sammeltaxi geht es nach Ankunft und Windelwechsel am Bahnsteig zum Hotel. Golden Sunrise. Weil das Kind, vor lauter Menschenhände, Klima-Anlage und neuen Zähnen erstmals verrotzt ist, bleiben wir heute lieber im Hotelzimmer. Ausruhen, schlafen. Papa schreibt einen Beitrag, Mama liest und macht Yoga im Garten.

Der goldene Felsen muss warten. Aber der ist da ja schon seit tausenden Jahren. In Balance gehalten – nur durch ein Haar Buddhas.

Wai Wai.

Wai Wai ist eine Selfmade-Woman. Stolz trägt Sie langes, pechschwarzes Haar. Sie kommt aus dem Shan-State, Nördliches Burma. No-Go-Area für Touristen. Das Militär bewacht dort die Edelsteine. Mit Edelsteinen hat Wai Wai Ihr erstes Geld verdient, ein Gästehaus aufgebaut. Hier wohnen wir in den nächsten Tagen.

Oben auf dem Dach eine Terasse mit Restaurant. Wai Wais Place. WiFi-Passwort: beautifulworld.

Hier kochen Mädchen aus Ihrem Dorf, typisch Shan-Style-Food. Weil der Laden so gut läuft, hat Sie noch ein Restaurant in der Stadt eröffnet.

Sule-Pagode

Ron sieht aus wie ein Seebär. Belgier. Er war schon in über 80 verschiedenen Ländern. Beruflich ist er Security Officer im Europäischen Parlament in Brüssel. Sicherheit, Anti-Terror – seit 26 Jahren. Er schimpft über Trump und erzählt mit einem Lachen, dass er gerade von den Engländern beschissen wurde. Raja Ampat, Indonesien, sei für Ihn der schönste Platz der Erde. Da kämen die Fische beim Schnorcheln auf Dich zu, weil sie noch nie einen Menschen gesehen haben. Sagt er.

Auf seinem Knie sitzt Charly. Charly hat lange schwarze Haare und sammelt Reiskörner, die er liebevoll Marie in den Mund schiebt. Charly ist 3 Monate älter als Marie und Wai Wai‘s Sohn. Und Ron ist Ihr Lebensgefährte.

Allen begegnen wir am ersten Abend in Yangon. Erneut verläuft die Reise völlig unkompliziert. Lachende Zollbeamte und ein wartender Taxifahrer.

Das begrüßende Klima in Burma ist am Abend viel angenehmer als in Thailand, es weht ein kühler Wind.

Das Gästehaus ist etwas außerhalb in einer Seitenstraße. Als wir am nächsten Tag in die Stadt laufen, zeigt Yangon sein wahres Gesicht. Viele Menschen, viele Autos, viele rote Flecken überall. Betelnuss. Unglaublich enge Gassen, schmale Häuser. Schluchten. Eine Mischung aus Dreck, britischer Kolonialzeit und asiatisch-rustikalem Charme.

Claire war 2005 schon mal hier – damals sind alle Fahrrad gefahren, es gab Internet nur in einem Hotel. Das Internet war völlig reglementiert, Sie hatte eine sailormoon-email-Adresse, um die Sperre zu umgehen. Erst 2010 wurde das Land dem Tourismus völlig geöffnet. Seitdem hat sich viel verändert, eigentlich alles. Timberland-Store in der 5-stöckigen Shopping-Mall, Mercedes-Autohaus an der Hauptstraße. Von 15.000 Touristen im Jahr zu 5 Millionen. Vollgas.

Wir laufen durch die Gassen. Noch begegnen wir wenig der 5 Millionen, es wirkt noch recht burmesisch. Es wird eine Frage der Dauer sein, bis die frittierten Küken und der Schrauben-und-Nagel-Händler in eine Seitenstraße verschwindet.

Wai Wai bietet uns an, die nächsten Tage für Marie mitzukochen. Es gäbe immer einen Früchte-Smoothie und ein Reisgericht. Windeln könne Marie auch von Charlie haben. Während Marie von Küchenmädchen zu Küchenmädchen gereicht wird, öffnen wir die Erste Flasche Bier. Wir sollen das Auberginen-Curry essen, dazu Teeblatt-Salat, sagt Ron. Wir können aber erstmal von seinem probieren. Wir wissen gar nicht mehr, wo wir Ja und Nein sagen sollen. Aber es klingt alles ziemlich wunderbar.

Herzlich Willkommen in Burma.

26. Stock.

Die Skyline von Bangkok steht vor uns, glitzert, Wolkenkratzer schauen in unser Hotelzimmer. Unter uns, im 16. Stock, betrachten wir andere Hotelgästen beim Baden im Pool. Innerhalb von 24 Stunden hat sich der Blick verändert – eben noch Meer und Palmen, jetzt Sirenen, Glas-Fassaden und Großstadtdunst.

Koh Pha-ngan hat sich mit einem wunderbaren Abend verabschiedet. Mica und Sea schreiben uns im Verlauf, wir kamen als Gäste und sind als Freunde gegangen. Stimmt.

Am Abend vor der Abreise wurden wir eingeladen – zu einem Abendessen auf Ihrer Terrasse: thailändisch-französische Fusionsküche. Es gab rohe Garnelen, Thai-Bombs (kleine, frittierte Kugeln aus Hackfleisch, Reis und Zitronengras), frittierte Hühnerhaut und Thunfisch-Tatar. Danach Käse und Baguette. Dazu Pastis und Rotwein. Wir haben viel gelacht, Jaos Kampffisch-Sammlung in kleinen Flaschen kennengelernt und konnten ein Rätsel lösen: die Herkunft eines abendlichen Geräusches, eine Mischung aus Vogel und kaputter Schaukel. Mica zeigte uns einen Tokeh-Gecko. Riesen-Geckos, über 30cm lang, die unter den Hausdächern leben.

Nächster Tag: per Jeep zur Fähre, Überfahrt per Katamaran, Weiterfahrt per Doppeldecker-Bus. Im Gepäck: zwei kleine Buddhas als Gastgeschenk. Ein bisschen Fried-Rice am Bahnhof in Surat Thani. Dann kommt der Nachtzug. Dieses Mal überlisten wir die Klima-Anlage und schlafen gar nicht so schlecht. Am Morgen gibt es einen fürchterlichen Kaffee vom Schaffner, wir rollen in Bangkok ein. Auf den Straßen ist überall Stau, per MRT-Ubahn gehts zum Hotel.

Bei einer abendlichen Frühlingsrolle sage ich zu Claire, es sei ein lustiges Gefühl, wie in „Lost in Translation“. Man schlägt zwei Tage gemeinsam die Zeit in Bangkok tot, bis man weiterfliegen kann. Die Zeit ist zu kurz, um sich auf den Weg zu machen. Gerade mit Kind. Wir hängen ab. Lästern ein wenig über das „Reiseveranstalter-Hotel“, welches in die Jahre gekommen ist. Die goldenen Jahre werden, per Canapés und Freigetränk, zwischen 17:30 und 19:30, im 32. Stock regelrecht zwanghaft-cosmopolitisch am Leben erhalten.

Unten pfeift ein Polizist per Trillerpfeife einen Autofahrer zu Recht, am Nachbartisch erziehen zwei dicke Franzosen Ihr neues Adoptivkind. Gegenüber schwimmen Hunde mit Schwimmwesten im Pool.

Heute Nachmittag geht es nach Yangon/Rangun in Burma/Myanmar. Das einzige Land der Welt mit Rechtsverkehr und Lenkrad an der rechten Seite. Das Land der Pagoden. Es wird ein bisschen ärmer sein, Thailand vor 20 Jahren. Infrastruktur, Supermärkte, Verkehr sind maximal im Basic-Format.

Aber wir haben jetzt Babypuder – wir sind vorbereitet. Taxi!

(H)Eike, Krissi und Andreas.

Im Schnitt braucht man irgendwas zwischen 20 und 30 Stunden, bis man aus Deutschland auf Koh Pha-ngan ist. Wenige Flüge fliegen nach Bangkok durch und selbst wenn es außerordentlich gut läuft, muss man, auf Koh Samui angekommen, die Fähre nehmen. Kräftezehrend. Klebrig-schwitzend. Hungrig.

Weil es so ist, bietet Mica und Sea seinen Gästen ein großes Abendessen an. Sea kocht. 6 Gänge, 2,50€ pro Person und Gang. Thailändisch. Hausfrauen-Art. (H)Eike und ihre Familie reisen heute aus Deutschland an. Sie wohnen in einer der anderen Villen, die Mica betreibt, erzählt er uns. Mit dem H tut er sich als Franzose schwer, glauben wir. Es bleibt unklar, ob Eike oder Heike der Anführer der neuen Gästefamilie ist.

Per Whatsapp erfragt er, wann die Fähre kommt und wie es mit dem Essen aussieht. (H)Eike antwortet: 12:00, Essen nein danke – sie wissen gar nicht, wie und ob Ihnen thailändisch schmeckt.

Unsere Villa steht in einer kleinen Gruppe aus 5 Häusern. Wir haben also Nachbarn: russische Yogalehrer, er raucht morgens auf dem Balkon eine Zigarette, sie hängt danach ihre rote Unterwäsche an die Wäschespinne. Vor Ihnen baumelt ein großer rosafarbener Traumfänger. Hinter uns ein Schnaps-trinkender Südamerikaner, der den ganzen Tag Filme auf seinem Laptop guckt.

Mica und seine Familie gegenüber. Ein weiteres Haus wird zur Zeit von einer deutschen Familie bewohnt – aus Schönwalde bei Berlin. Krissi und Andreas, 4 Kinder. Alter: 9 Monate, 2, 5 und 8 Jahre. Sie wollen 60 Tage auf der Insel bleiben, danach nach Bali, später wieder nach Thailand zurückkehren. 3,5 Monate, Papa Andreas hat Elternzeit.

Sie haben ganze 5 Tage gebraucht, um hierher zu kommen. Weil es günstiger war, sind sie erstmal von Berlin nach München gefahren und haben in der Nähe des Flughafens in Erding geschlafen. Krissi hat im Internet gelesen, Flüge nach Surat Thani von Bangkok gäbe es wie Taxis. Aussuchen und Reinsetzen, keine Buchung vorher notwendig. Ist ja häufig so.

Ankunft der Familie in Bangkok, 5:30 morgens. Per Taxi durch die Stadt, anderer Flughafen. 4 Kinder und Gepäck. Horror. Am Flughafen Don Mueang angekommen erfahren sie, die ersten 3 Flieger nach Surat Thani im Süden, nächst gelegen zu Koh Pha-ngan, sind ausgebucht, Weiterflug erst 15:00. Die Nerven liegen blank. Egal, ist ja günstiger als direkt nach Koh Samui.

Die Kinder sind nach einer Woche vor lauter Müdigkeit immer noch aufgekratzt.

Im Gespräch erzählen Sie, im Anschluss wollen Sie per Flieger von Koh Samui direkt nach Bali. Von Ferieninsel zu Ferieninsel also. Solche Flüge gibt es aber nicht mal in Europa, denke ich. Komisch.

Problem an Bali? Von dort hätten Sie jetzt gehört, da sei Regenzeit, wenn sie ankommen wollen. Welch Überraschung!

Salzwasser brennt allen Schönwalder-Kindern total in den Augen, das Baby kriegt von den Windeln aus dem Supermarkt sofort einen wunden Po. Es wird noch voll gestillt, von dem Eis gestern habe es jetzt totalen Durchfall. Deshalb einen ganzen Koffer voller Windeln aus der Heimat. Die Älteste esse nur Pizza, aber ohne Tomaten.

Bisher war die Familie immer an der Ostsee, mit einem Camper, da waren die Kinder ganz anders und entspannt. Geflogen sei Krissi bisher nur nach Bulgarien und in die Türkei.

Abends sind wir uns einig. Die letzten Tage mit Buch in der Hängematte haben gut getan. Lange Mittags-Schlaferei. Das neue Jahr hat wohlwollend angefangen. Und die Menschen aus „Goodbye Deutschland – die Auswanderer“ von VOX gibt es wirklich.

Dabei essen wir genüsslich unser Sushi.

Ein Rückblick.

Jan Fedder ist gestorben. Und Karl Lagerfeld. Und Rosamunde Pilcher. Und es gibt e-Scooter seit diesem Jahr. Überall.

Es gibt amüsante Videos von Ibiza. Notre-Dame brennt. Brennen tut es sowieso viel – Regenwald in Brasilien, Autoreifen in Hong Kong, Busch in Australien. Da muss sich Frau Merkel bei Nationalhymnen erstmal setzen.

So vergeht das Jahr. Wir öffnen eine Rotwein-Flasche im Februar und Marie beschließt, jetzt ist es an der Zeit. Ein ehrfürchtiger Moment, viele weitere folgen. Pures Glück.

Erfährt Prinz Harry wenig später ebenfalls. Er wird vom Bruder vor Schlafentzug gewarnt. Wir nicht, erfahren ihn trotzdem. Nächte auf der Intensivstation waren Kindergarten.

Anti-Abschiebe-Industrie wird Unwort des Jahres.

Wir laden dafür ein. Zu einem herrlichen Sommerfest. Freunde und Familie kommen und zeigen den wertvollsten Besitz: Liebe. In irgendeiner Form, in unterschiedlicher Interpretation. Kostbarer als Dresdner Diamanten. Es werden unaufgeregt-unkompliziert-bunt-lustige Stunden, für die wir unendlich dankbar sind. Und für das Holzfass-Bier.

Das Reh. Während es grast und zum Tier des Jahres erklärt wird, planen wir die Reise. Vergleichen Flüge, checken Jahreszeiten und Preise. Im Dezember und Januar kostet der Camper in Neuseeland 75% mehr, auf Bali kann es aber noch ziemlich regnen. Die Mongolei mit Marie wäre eine zu große Herausforderung und die USA…nicht nur Trump, sondern auch die Auslands-Krankenversicherung sind Argumente dagegen.

Jetzt sitzen wir auf Koh Pha-ngan. Es ist der Morgen des 31.12, Marie schläft nach Frühstück und erstem Bad im Meer wieder. Claires Seidenschlafsack ist eingerissen und Pee-Mo, die Haushälterin von Mica, die auch unsere Villa putzt, soll morgen frei haben. Ob das okay für uns ist, fragt er. Dann könne Sie heute Abend auch ein bisschen feiern. Es geht kaum schlechter.

Erfolgreichstes Album: Rammstein. Till Lindemann meint übrigens, er schreibe Liebeslieder. Und besitzt ein IPhone Golden Putin Edition. Claire fällt ein Gecko auf den Fuß.

Grundzutaten der Thaiküche sind Thaibasilikum, chinesischer Ingwer, Zitronengras, Kaffirlimettenblätter, Chillis, Tamarinde, Koriander, Palmzucker und Fischsauce. Gestern Abend saßen wir am Wasser, als Sea uns Kostproben brachte, die Sie gekocht hat. Einfach so. Marie liebt Kokosnuss-Suppe.

Sonntag verlassen wir die Insel. Dann beginnen Monate, an denen wir nie länger als 5 Tage an einem Ort sind. Spannend. Dann schreiben wir schon 2020. Frau Merkel sagt, die 20er-Jahre können gute Jahre werden. Sie werden es.

Guten Rutsch wünschen Marie, Claire und Phillip.

(…geschummelt…)

Drachen.

15 Knoten, Böen bis 18. Mica sagt, irgendwann weht die kleine schwarze Flagge vor der Villa nach Rechts. Das bedeutet: Südost-Wind. Der bringt gutes Wetter, kommt aus tropischen Lagen, bringt Sonne und perfekte Bedingungen. Wir wachen auf, Flagge weht in die richtige Richtung, parallel zur Insel. Wenn wir bis zum Nachmittag warten, ist die Flut vorbei – Stehrevier in einer Lagune. Wassertemperatur 26 Grad, Badewanne.

Kurze Zeit später Meerwasser im Gesicht, Sonne in den Augen. Kite bei 45 Grad, raus aufs Meer. Und das Brett macht wohlwollend tschaktschaktaschak. Elternzeit.

Und dann das Wissen, heute Abend gibt es Rosé-Wein in einem französischen Lokal. L’Alcove. Warum nicht. Besitzer ist ein lesbisches Franzosen-Paar, die Tische sind direkt am Strand. Es spielt live eine Saxophon-Spielerin. Wir nutzen den kitschigen Moment und bestellen erstmals in unserem Leben ein Gericht für unser Kind separat. Minuten später ist Sie, am Strand von Koh Phan-gan, Pasta mit Pesto.

Betritt man in Thailand ein Geschäft oder ein Restaurant, werden die Schuhe ausgezogen. Immer, an der ersten Stufe. Also laufen alle Barfuß. Es ist eine schöne Tradition, die zumindest aus europäischer Sicht eine Art Gemütlichkeit bringt. Barfuß im Klamottenladen, in der Apotheke, in der Bar. Alle gleich, keine Ausnahmen. Je voller der Laden, umso mehr Schuhpaare vor der Tür. Das L‘Alcove ist ein kleines Paradies mit vielen Gästen.

Danach fahren wir zurück nach Ban Talai. Im Auto sagt Claire, der Jeep ist wie ein Panzer. Hätten Panzer Räder, dann hätte dieser auch noch vier Platten. An der Kreuzung rumpelt der Scheibenwischer. Gewohnheit.

Das Fenster haben wir dann doch Millimeter für Millimeter runtergekurbelt.
Ab Morgen erstmal wieder Fahrrad…

Maggie oder Malie.

So manches Klischee erfüllen Sie, wie wir sicher auch. Die Einen die Pünktlichkeit und Ihr Bier, die Anderen gesunde Küche und Gastfreundschaft. Aber das R in Marie können die Thailänder nicht aussprechen. Dafür zeigen Sie trotzdem Ihre pure Freude an Ihr und beschenken die kleine Dame mit süßen Finger-Bananen. Marie findet es toll.

Was Marie nicht so toll findet? Das Ihre Eltern heute geglaubt haben, ein Strandtag sei so wie früher, nur eben mit Baby. So ein Quatsch.

Am Morgen haben wir einen einen Jeep bekommen. Er fährt – das war uns wichtig. Bei der Übergabe wird uns erklärt, dass die Fenster nur spaltbreit zu öffnen sind, da die Fenster sonst in die Tür fallen. 9:30, es ist jetzt schon warm – das wird ein super Tag.

Ziel ist der Strand Haad Son/Koh Raham an der Westküste der Insel, 10 Kilometer entfernt. Das große Loch in der Bodenplatte erinnert uns an den Strassenverkehr, denn das Fahrgefühl ähnelt eher einem alten Boot.

Am Berg zeigt uns der Jeep: er hat vier Reifen. Der zweite Gang ist ihm zu viel. Marie auch, beide jaulen auf. Zu viel Sonne durch die Windschutzscheibe und zu wenig Frischluft aus dem Miniatur-Gebläse. Vorschlag zur Güte: ein Hippie-Art-Café am Strassenrand. Dort kriegen die Eltern zumindest einen echten Cappuccino im Schneidersitz und die Tochter kann dort bestimmt schlafen. Tut sie nicht.

Die Saftpresse der Küche ist zu laut, knattert die letzten Reserven aus dem Kind. Neue Strategie: wir teilen uns auf. Claire und Marie halten sich gegenseitig im Tragegurt, der Papa darf den Cappuccino in Ruhe austrinken. Sie schläft ein.

Wenig später schnorcheln wir vor einem Restaurant. Zunächst alleine, dann mit russischen Touristen und Ganz-Gesicht-Schnorchelmasken. Die gehören einfach nicht auf diese Erde. Die Fische, Hunderte, werden von den Kellnern mit Brot angelockt. Lustige Fotos, aber irgendwie eine verkehrte Natur.

Wir ziehen zum nahegelegenen Strand. Mittagssonne. Marie‘s Geduldsgerüst wackelt, Salzwasser soll helfen. Tut es. Kinderlachen im flachen Wasser.

Danach entdeckt die Tochter: Sand. Am liebsten Händeweise in den Mund. Stress für die Alten. Ablenkungsmanöver werden gestartet, viele gehen schief. Die Handtücher unter uns sind nur noch Inseln im Sandmeer, alles klebt. Chaos. Die Rettung: Tragetuch. Funktioniert dann nur stehend unter einer Palme, Marie schwitzt, als sollte es so sein. Wir beruhigen uns mit einer geteilten Flasche Bier.

Kurze Zeit später sitzen wir zur Heimfahrt in unserem Gefährt. Marie versucht während der Fahrt unermüdlich den Steuerknüppel zu betätigen, der Papa im Linksverkehr die Übersicht zu bewahren und an der nächsten Kreuzung nicht erneut links den Scheibenwischer zu betätigen, sondern rechts zu blinken. Mopeds von allen Seiten.

An der nächsten Strassenecke ruckelt der Scheibenwischer über eine trockene Scheibe.

Endlich zu Hause, völlig geschafff. Sonnenuntergangs-Szenario. Marie schreit unter der Dusche, das AntiMücken-Spray klebt auf der Haut. Wir entscheiden zum Abendessen zu laufen. Spicy Pork Soup, take-away. Stressreduzierung durch Abendessen auf der unsrigen Terrasse.

Draußen tuckert ein Fischerboot, kleine Ameisen am Boden teilen sich ein Reiskorn. Marie sitzt in Ihrem Hochstuhl, lacht und isst Ihre Bananen. Zufrieden und so, als sei nichts gewesen. Wir waren ja nur am Strand.

Gute Nacht.

Weihnachten.

Frohe Weihnachten. Das wünschen wir von ganzem Herzen. Wir haben ein paar Tannenbäume und Fest-Tafeln aus Lübeck, Hamburg, München und vom Tegernsee zugeschickt bekommen und mussten feststellen, dass das Alles sehr gemütlich und weihnachtlich aussah.

Aber hierher hat es nicht gepasst. Auf Koh Phangan ist es eine Mischung aus Sonnenwärme, Palmen, Meersalz auf der Haut und Synthesizer-OhTannenbaum, die jegliche Sehnsucht nach Christ-mette/stollen/kindlmarkt/baum unterdrückt. Aber das ist ja auch auf einer zu 90%-buddhistischen Insel gut und richtig so.

So unterschied sich nur wenig im Tagesablauf – außer der Rotwein am Abend, der das kalte Bier ersetzte – und auch hier mussten wir eingestehen, dass Singha-Tiger-Chang und Leo am Strand besser in der Hand liegen, als die schwere RotweinFlasche.

Marie entdeckt das Meer für sich, versinkt in ihrem gelben Schwimmring fast bis zum Kinn. Und wir entdecken die Insel per Fahrrad. Das Kind auf dem Rücken oder vor dem Bauch, fahren wir einkaufen und essen – und sind gefühlt die Einzigen auf einem Rad, der Rest fährt motorisiert.

In den nächsten Tagen werden wir jedoch mal einen kleinen Jeep ausleihen, um andere Ecken zu sehen. Der Wind soll besser werden und Kitesurfen wird gut möglich sein. Und Mica hatte die Idee, dass wir uns auch mal per Fischerboot in ein paar Buchten fahren lassen können…wenn das mal keine Mini-Cliffhanger sind!

Liebe Grüße von der Insel, weihnachtlich-herzlich: Claire, Marie und Phillip

Ho Ho Ho

Cha Cha.

Cha Cha betreibt wahrscheinlich einen der leckersten Stände auf dem Nachtmarkt Phantip. Dort haben wir zu Abend gegessen – gebratenes Huhn mit Ingwer, Kokosnuss-Suppe und Salat mit Ente. Danach sind wir mit Taschenlampe am Strand zurück gelaufen. Sternenhimmel.

Wir leben in den Tag hinein. Haben Freude an den kleinen Dingen. Beobachten eine große, aber harmlose Schmuckbaumnatter, die die Palme hinunterklettert, um Geckos zu fangen. Finden Schnecken-Gehäuse, auf denen die Natur Berg-Silhouetten gezeichnet hat und bringen Marie bei, wie man die Zunge rausstreckt.

Mica, der Gastgeber, hat uns Fahrräder besorgt, die unseren Radius etwas vergrößern werden. Empfiehlt Restaurants, weil er Essen so liebt und holt unsere Wäsche ab, weil er den „Mica-Preis“ bekommt. Er hat einen Hund und zwei Katzen, Kratheīym, Phrikthịydả und Mak̄hām. Übersetzt heißen die Vierbeiner: Knoblauch, schwarzer Pfeffer und Tamarinde.

Das Wetter wird immer besser, der Wind macht die heisse Sonne total angenehm. Das Riff vor der Haustür funkelt in allen Blautönen. Im Kühlschrank kaltes Bier für den Abend, in der Hand eine große Tasse Kaffee. Gelungener Start für diese Reise.

Und Cha Cha – er ist übrigens der größte LadyBoy in Thongsala, völlig integriert, völlig normal. Und in Deutschland? Muss Ganserer um Akzeptanz im Landtag bitten, diskutiert man über transgender-Toiletten und die AfD läd Schwulenheiler in den Bundestag ein! Wir müssen weiter weg.

Ban Tai.

Meer. Vom Balkon, vom Wohnzimmer, von der Küche. Überall sehen wir das Meer. Wir sind angekommen – angekommen in einer Villa eines Franzosen, der mit seiner Familie nebenan wohnt und und scheinbar weiß, wie es geht. Inselleben. Mica und seine Frau, Sea, überschwemmen uns quasi mit Gastfreundschaft und Herzlichkeit.

Marie fühlt sich so wohl, dass Ihre Nickerchen am Tag eher Bewusstlosigkeit ähneln. Und dazwischen wird gegessen, was der Markt so hergibt: wahnsinnig leckere Ananas und Mango, Wassermelone und neuseeländische Äpfel.

An den ersten Tagen sind wir die Vollendung der Bettlägerigkeit und menschgewordene Faultiere. Wir wandeln von Hängematte zu Liegestuhl, von Strandmauer ins Bett. Es gibt kaltes Bier, Erdnussbutter-Toast und Phat Thai von einer Strassenküche. Die Welt steht still.

Sonne, Wolken und Regenschauer wechseln sich ab. Das tut gut, weil es nicht so heiss ist. Und durch das Klima am Meer und den Wind, der viele Kitesurfer in unseren „Pool“ spült, ist es auch nicht so schwül. Und das Meer hat ja sowieso Badewannentemperatur.

Und Marie? Die entdeckt den Sand, schaut Booten hinterher und spricht mit Haus-Hund und Katze. Sie vermisst jedoch scheinbar die Aufmerksamkeit aus Bangkok. Konsequenz: fremde Menschen werden im Insel-Supermarkt förmlich angeschrien, bis man sich gegenseitig anlächelt.

Und weil alles so perfekt klingt und ist: steht am Abend plötzlich ein geschmückter Tannenbaum vor der Tür. Einfach so.

Gibt es nicht diese Aufkleber für die Küche oder das Wohnzimmer: Life is better at the Beach?

Südlich.

Wir warten. Warten auf den Fahrer in Bangkok. Warten auf den Zug in der Wartehalle des Bangkoker Hauptbahnhofs. Aber weil wir so viel Zeit haben, stören die „verlorenen“ Tage gar nicht. Es geht nicht mehr um Sightseeing und Abarbeiten von Listen.

Es gibt noch dieses Misstrauen am System, die innere Unruhe, ob alles funktioniert, pünktlich ist, sicher sein wird, sauber ist. Gerade mit Kind. Aber Marie strahlt so eine Zuversicht aus, dass Sie bestimmt an den nächsten Ort getragen wird, irgendwo auf dem Arm schlafen kann und sicher von Jemandem gefüttert wird…es färbt wahrscheinlich auf uns ab. Denn was in den anschliessenden 24 Stunden passieren wird…Flow!

Dschungel.

Eintrag ins Tagebuch, 21:48: auf Google Maps ist es ein ziemlich verpixelter Ort, an dem wir gerade sind. Kurz vor Ratchaburi, im Nachtzug 85, Waagen 11, Richtung Süden. Die Mädels schlafen unter mir im Hochbett. Mir scheint eine kaltweiße Neonlampe als Nachtlicht ins Gesicht, die Klimaanlage ist viel zu kalt, die Luft riecht ein wenig nach Klo. Es rumpelt, quietscht und wackelt eindrucksvoll. Vor dem dreckig-matten Fenster: stockdunkel. Unser Abteil ist abschließbar, wir haben ein Wachbecken, 3qm. Es gibt eine abgeschlossene Verbindungstür ins Nachbarabteil wie im Orient-Express. Warum ist dieser Moment voller Glück? Weil wir unterwegs und zusammen sind. Weil wir Dosenbier getrunken und eine Tüte Chips gegessen haben, während Marie wunderbar geratzt hat. Morgen wartet die Fähre und Ko Phangan. Und das Meer.

Zug. Bus. Fähre. Taxi. Alles pünktlich, alles wartet, alles sauber, alles organisiert (irgendwie). Und dann? Bähm:

100 1, Ko Pha-ngan Sub-district, Ko Pha-ngan District, Surat Thani 84280, Thailand

Bunt.

So langsam kommen wir rein. In den Rhythmus, in das Reisen. Gewöhnen uns an die Gerüche, das Klima, den Geschmack und die Lautstärke. Und die Hitze.

Wir erleben ein sehr dörfliches Bangkok jenseits der Touristen und der Khaosan Road. Ein fürchterlicher Ort, an dem auch Marie nicht mehr gegrüßt oder angelacht wird. Vielleicht wird das ein guter Indikator für unsere Reise…

Um einen anderen Einblick zu erlangen, sind wir nochmal umgezogen. In einen älteren Stadtteil, im dem hauptsächlich gewohnt wird. In alten Teakhäusern. Um in die Stadt zu kommen, fahren wir für 14 Cent Fähre auf die andere Seite, um dann für 44 Cent weiter mit der Flussfähre auf dem Chao Phraya in die Stadt zu gelangen.

Hansa Bangkok House

Und Marie? Liebt es. Die Einzige von uns Dreien, die völlig frei von jeglichen Berührungsängsten oder Vorsicht dem Land und den Menschen begegnet.

Stadt der Devas – Bangkok.

Wir sind angekommen. Im Lärm, in Straßen voller Autos, in der Hitze. Aber auch in bunten Farben, dem typischen Geruch Asiens, den tausenden Strassenküchen. Von allem ein bisschen zu viel, aber nur so funktioniert es wohl. Wir tasten uns langsam vor, gewöhnen uns, ruhen viel und essen noch viel zu teuer.

Wir wohnen im „The Companion Hostel“ in Khlong San. Ein lustiges Viertel ohne Touristen und Hotels. Überall gibt es kleine Werkstätten für Leder und Reißverschlüsse. Vielleicht ist es noch ein wenig ursprünglich hier.

77/8 Thanon Chroen Rat, Khlong Ton Sai, Khlong San, Bangkok 10600, Thailand
Versprechen eingelöst. 3 Euro!

Marie findet es super. Sie ist die Einzige ohne Jetlag. Und der Superstar. Sie wird von allen Seiten mit Lachen begrüßt und es gab nahezu Spaliere aus Marktfrauen, die viel thailändische Freude an ihr hatten. Ein grandioser Reise-Start!

Abflug.

So. Herzlich Willkommen in unserem Tagebuch. Oder Wochenbuch. Wer weiß. Aber es wird Notizen geben. Versprochen. Und ich geh in Bangkok zum Friseur. Auch versprochen.

Mit Schneeregen verabschiedet sich Oberbayern. Die letzten Tage waren voller Umarmungen, lieber Worte, Glückwünsche und Grüße. Alle Omas und Opas, Tanten und Onkel waren nochmal da, alle lieben Freunde wurden besucht.

Vielen Dank für Alles und eine riesige Umarmung zurück.

Lasset die Spiele beginnen…

Die Mürfels

November

Die Wohnung sieht aus, als hätten Gangster was gesucht. Oder wir. Aber zumindest jemand die Kontrolle verloren. Der Container wird voll, Maries Reisepass hat ein neues Foto, jeder einen Sonnenhut und unterschiedlich farbige Packtaschen. Das Abenteuer kann beginnen. Davor gibt es noch Wein und Flaschenmilch.

Tegernsee
Kistenmädchen..oder mit ü?

Hier sind wir…waren wir…

https://goo.gl/maps/qz8GrRHp1n2Sa1rXA

Meermenschen im Heimathafen

Diese Seite befindet sich im Aufbau. Oder wir uns.

Dies ist der erste Beitrag. Wir versuchen die kommenden Wochen einen ganz einfachen Blog. Damit sich keiner bei facebook oder instagram anmelden muss und wir uns gar nicht erst über „likes“ freuen. No Bullshit. Einfach nur Bilder für Alle und vereinzelte Zeilen, damit Ihr wisst, wo die Mürfels sind.

Je länger wir weg sind, umso mehr muss man scrollen…